In meinem ersten Review zu "The Addams Family" für das
Super Nintendo, Sega Mega Drive und den Commodore Amiga hatte ich bereits
angekündigt, dass ich mir auch noch die weiteren, gänzlich anders
ausgefallenen Adaptionen des ersten Kinostreifens mit den Addams vorknüpfen
werde. Diesem Versprechen will ich nun nachkommen und möchte mit
diesen Zeilen das exklusive PC-Engine-Addams-Spiel vorstellen. Ausschließlich
für den nordamerikanischen Raum und das TurboGrafx-System entwickelt
(auch wenn das Spiel auf den japanischen PC-Engine-Systemen einwandfrei
läuft), will es sich, was ganz der guten alten Tradition der Addams
entspricht, so ganz und gar nicht in die Reihe der vielen sehr beliebten
und hochgelobten PC-Engine-Spiele einreihen. Stattdessen heimst es permanent
sehr negative bis vernichtende Kritiken ein, und fast jeder PCE-Spieler
rät die Finger von diesem Spiel zu lassen. Da ich dies nicht so recht
glauben wollte, zumal die Screenshots zu "The Addams Family"
auf der PCE recht gut aussehen, musste das wirklich günstig zu erwerbende
Spiel her, damit ich mich selbst von der vermeintlichen Schlechtigkeit
dieses Machwerks überzeugen konnte. Und siehe da, das Spiel ist gar
nicht mal so schlecht! Die zahlreichen negativen Kritiken können
bloß auf einem flüchtigen Ersteindruck beruhen, denn wenn man
sich intensiver mit dem Spiel auseinandersetzt, so entdeckt man auch einige
gute Seiten daran. Aber alles der Reihe nach.
Die Andersartigkeit der PCE-Version im Vergleich zu den anderen Addams-Spielen
ist primär in der Wahl des Spielcharakters begründet. Anstelle
von Gomez, der in den meisten Addams-Spielen der Hauptcharakter ist,
oder einem anderen Mitglied der makabren Familie, übernimmt man
hier die Rolle von Tully Alford, dem ärmlichen Anwalt der Addams,
welcher als einer der wenigen Außenstehenden sehr wohl über
das riesige, aber zu seinem Bedauern unantastbare Vermögen der
Addams weiß. Und gerade diese kleine Tatsache wurde von den Entwicklern
dieses Spiels aufgegriffen und versoftet. Gleich nach dem Wegdrücken
des in meinen Augen etwas missglückten Titelscreens, bei dem aber
die originale, aus der alten schwarz-weißen Fernsehserie bekannte
Musik in bester CD-Qualität ertönt (Top!), erfährt man
in der kleinen, aus einem einzigen digitalisierten Bild und einer hervorragenden
englischen Sprachausgabe bestehenden Konversation, dass Gomez seinem
Freund einen Deal vorschlägt. Demnach kann Tully das ganze Anwesen
der Addams auf der Suche nach ihrem Familien-Schatz durchforsten. Sollte
er dabei erfolgreich sein, kann er sich soviel Geld einstecken, wie
er nur möchte. Aber die ganze Sache hat einen kleinen Haken. Gomez
und seine Familie bleiben in ihrem trauten Heim und wollen Tullys Aufgabe
ein wenig schwerer und lustiger gestalten. Doch wer die Addams kennt,
der weiß genau, dass ein für die Addams unterhaltsamer Spaß
für gewöhnliche Sterbliche etwas unlustig ausfallen kann.
Aber Tully, dem diese Aufgabe nicht allzu schwer erscheint, wittert
wohl seine Chance endlich reich zu werden und willigt dennoch ein.
So findet sich Tully gleich im Anschluss an die kurze Einleitung im
"Vorgarten" des Addams-Anwesens wieder, eine Aktentasche und
einen Kugelblitze verschießenden Regenschirm (!) in den Händen
haltend, wobei er zum Auftakt seiner Schatzsuche von Gomez mit einem
präzise gezielten Golfball begrüßt wird. Das ähnlich
einem Kinosaal, mit Zuschauern im Vordergrund aufgebaute Spielfeld kann
direkt als ein übliches und stinknormales Jump´n´run
identifiziert werden. Auf den andauernden Golfball-Regen achtend, muss
man sich zunächst, über einige Gräber und einen Haifisch-Teich
hüpfend, schleunigst in die "Sicherheit" des Addams-Hauses
bringen. Auf dieser kurzen Strecke wird man als Spieler bereits merken,
dass die Steuerung ein wenig gewöhnungsbedürftig und das Spieldesign
irgendwie arg altbacken wirken. So ähnlich simpel aufgebaute Spiele
hat man ja doch schon viel früher auf einem C-64 oder Amstrad CPC
gespielt, daher mag es anfangs etwas verwundern, dass NEC sich für
ein derart altes Spielkonzept bei der Umsetzung des ersten Addams-Kinofilms
entschied. Aber wie schon gesagt, das Spiel war ja nur für den
amerikanischen Markt vorgesehen, und vielleicht wollte man ja gerade
die (Vorsicht! Ironiefalle!) sehr traditionsbewussten Amerikaner nicht
mit irgendeinem japanischen und womöglich ganz konfusen Spieldesign
konfrontieren. Wie auch immer, nach einer Weile des Spielens geht auch
diese Steuerung mit ihren Eigenheiten ins Blut über und man gewöhnt
sich relativ schnell an das Spiel. Daher darf meiner Ansicht nach über
die Spielbarkeit nicht gemeckert werden.
Im Haus angelangt, läuft man sogleich dem mit Glühbirnen
um sich werfenden Onkel Fester in die Arme, welcher erst mit einigen
Blitzen bedient werden möchte, bevor er nach einigen für ihn
sehr typischen Beschimpfungen, Aufregungen und Warnungen aus Versehen
einen Schlüssel fallen lässt. Mit diesem lässt sich nun
die große Treppenhalle betreten, in der viele weitere, farbig
gekennzeichnete Türen auf Tully warten. Hier fängt nun der
etwas adventurelastige Teil des Spieles an, bei dem die vielen, meist
nur einen oder wenige Screens beherbergenden Türen auf der Suche
nach weiteren Schlüsseln sowie kostbaren Edelsteinen betreten werden
müssen. Dabei trifft man auch die anderen Mitglieder der Familie,
die sich ebenfalls wie Gomez sofort auf Tullys lustiges "Spiel"
einlassen. So muss sich Tully zum Beispiel gegen Wednesdays und Pugsleys
nicht ungefährliches Spielzeug oder Grannys kulinarische Kunst
behaupten. Diverse Fallen, wie die den Spieler wieder nach draußen
befördernden Türen, erschweren zusätzlich die Suchaktion.
Wenn man aber die fiesen Tricks der Addams erst einmal kennt, können
diese beim nächsten Mal umgangen werden. Neben den Edelsteinen,
welche das Punktekonto erhöhen bzw. Tullys Geldbörse kräftig
anwachsen lassen und ihm alle 10.000 Dollar zusätzliche, als schwache
Smartbomben fungierende Akten (in die Hocke gehen und Select drücken)
in seine Tasche zaubern, gibt es auch noch einen besseren Regenschirm,
einen Werwolf-Verwandlungstrank, Herzen zur Auffrischung der eingebüßten
Lebensenergie und einen Degen zu finden. Den Degen sollte man auf jeden
Fall bereits in der Tasche haben, bevor man mit dem letzten Schlüssel
den Raum mit dem Zugang zum unterirdischen Addams-Gewölbe betritt.
Nachdem man den dort wartenden Gomez in einem Fechtkampf besiegt, geht
es im nächsten, weitaus schwierigeren Teil des Spieles weiter.
Der lange Weg zum gut gefüllten Tresor der Addams ist mit noch
fieseren Fallen, wie etwa einer Fallgrube oder dem hinter einer Tür
lauernden und hungrigen Hauslöwen Kitty Cat, und noch gefährlicheren
Gegnern gespickt. Da das Spiel keine Extra-Leben gewährt und auch
keine Continue-Option aufweist und daher komplett am Stück bewältigt
werden muss, sollte man bis dahin am besten keines der vier anfänglichen
Leben verbraucht haben. Dadurch gestaltet sich dieses PCE-Spiel nicht
ganz so einfach, aber es bleibt auf längere Sicht motivierender
als so manch anderes Spiel mit tausenden von Zusatzleben. Mit der richtigen
Vorgehensweise sollte man mit jedem weiteren Anlauf jedoch immer etwas
weiter vorankommen. Und irgendwann steht man vor dem Addams-Schatz und
auch wieder vor Gomez, der wiederholt alles daran setzt Tully am Sieg
zu hindern.
Grafisch zeigt sich das Spiel ebenfalls von einer eher schlichten Seite.
Die Comic-Darstellung ist relativ grobkörnig und flächig,
so dass sie niemanden vom Hocker reißt. Dennoch versprüht
sie die nötige Atmosphäre, die vor allem durch die makabren
Addams-Dinge unterstrichen wird wie zum Beispiel das Gemälde mit
der untergehenden Titanic oder die vielen lecker zubereiteten Häppchen
wie etwa ein Frosch am Spieß. Das alles erinnert stark an die
alte Fernsehserie und die guten Kinofilme. Soundtechnisch glänzt
das Spiel aber mit dem perfekten, bereits erwähnten Titelsong,
einer sehr gelungenen Sprachausgabe sowie der passenden Akustik während
der Spiel-Action. Auf diesem Sektor können selbst die viel besseren
Addams Family-Spiele von Ocean direkt einpacken. Aus meiner Sicht der
Dinge also ein kleiner Minus-Punkt für die Grafik, dafür aber
ein dicker Plus-Punkt für die Musik.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass "The Addams Family"
auf der PCE wahrlich ein zweischneidiges Schwert ist. Die einen empfinden
das recht linear und simpel aufgebaute Spiel als grauenhaft und unspielbar,
primär wohl wegen der unter den Möglichkeiten der PC-Engine
liegenden technischen Darbietung. Die anderen Spieler, die echten Addams-Fans,
müssen dieses Spiel wiederum dermaßen grauenhaft schrecklich
finden, dass es ihnen gerade aus diesem Grund einfach nur puren Spaß
bereiten muss. Zudem würde ich behaupten, dass dieses Spiel auf
einem anderen 8-Bit-System wie etwa dem Commodore 64 im Allgemeinen
eine viel bessere Bewertung erhalten hätte. Wenn man "The
Addams Family" also vollkommen unabhängig von der Hardware
betrachtet, so sind objektive fünf Punkte auf jeden Fall drin.
Wahre Addams-Fans können sich je nach ihrem Fan-Grad noch einen
bis fünf weitere Punkte dazu addieren. =)
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