The Addams Family
Jump´n´run

Lyrion
September 10
 

In meinem ersten Review zu "The Addams Family" für das Super Nintendo, Sega Mega Drive und den Commodore Amiga hatte ich bereits angekündigt, dass ich mir auch noch die weiteren, gänzlich anders ausgefallenen Adaptionen des ersten Kinostreifens mit den Addams vorknüpfen werde. Diesem Versprechen will ich nun nachkommen und möchte mit diesen Zeilen das exklusive PC-Engine-Addams-Spiel vorstellen. Ausschließlich für den nordamerikanischen Raum und das TurboGrafx-System entwickelt (auch wenn das Spiel auf den japanischen PC-Engine-Systemen einwandfrei läuft), will es sich, was ganz der guten alten Tradition der Addams entspricht, so ganz und gar nicht in die Reihe der vielen sehr beliebten und hochgelobten PC-Engine-Spiele einreihen. Stattdessen heimst es permanent sehr negative bis vernichtende Kritiken ein, und fast jeder PCE-Spieler rät die Finger von diesem Spiel zu lassen. Da ich dies nicht so recht glauben wollte, zumal die Screenshots zu "The Addams Family" auf der PCE recht gut aussehen, musste das wirklich günstig zu erwerbende Spiel her, damit ich mich selbst von der vermeintlichen Schlechtigkeit dieses Machwerks überzeugen konnte. Und siehe da, das Spiel ist gar nicht mal so schlecht! Die zahlreichen negativen Kritiken können bloß auf einem flüchtigen Ersteindruck beruhen, denn wenn man sich intensiver mit dem Spiel auseinandersetzt, so entdeckt man auch einige gute Seiten daran. Aber alles der Reihe nach.

Die Andersartigkeit der PCE-Version im Vergleich zu den anderen Addams-Spielen ist primär in der Wahl des Spielcharakters begründet. Anstelle von Gomez, der in den meisten Addams-Spielen der Hauptcharakter ist, oder einem anderen Mitglied der makabren Familie, übernimmt man hier die Rolle von Tully Alford, dem ärmlichen Anwalt der Addams, welcher als einer der wenigen Außenstehenden sehr wohl über das riesige, aber zu seinem Bedauern unantastbare Vermögen der Addams weiß. Und gerade diese kleine Tatsache wurde von den Entwicklern dieses Spiels aufgegriffen und versoftet. Gleich nach dem Wegdrücken des in meinen Augen etwas missglückten Titelscreens, bei dem aber die originale, aus der alten schwarz-weißen Fernsehserie bekannte Musik in bester CD-Qualität ertönt (Top!), erfährt man in der kleinen, aus einem einzigen digitalisierten Bild und einer hervorragenden englischen Sprachausgabe bestehenden Konversation, dass Gomez seinem Freund einen Deal vorschlägt. Demnach kann Tully das ganze Anwesen der Addams auf der Suche nach ihrem Familien-Schatz durchforsten. Sollte er dabei erfolgreich sein, kann er sich soviel Geld einstecken, wie er nur möchte. Aber die ganze Sache hat einen kleinen Haken. Gomez und seine Familie bleiben in ihrem trauten Heim und wollen Tullys Aufgabe ein wenig schwerer und lustiger gestalten. Doch wer die Addams kennt, der weiß genau, dass ein für die Addams unterhaltsamer Spaß für gewöhnliche Sterbliche etwas unlustig ausfallen kann. Aber Tully, dem diese Aufgabe nicht allzu schwer erscheint, wittert wohl seine Chance endlich reich zu werden und willigt dennoch ein.

So findet sich Tully gleich im Anschluss an die kurze Einleitung im "Vorgarten" des Addams-Anwesens wieder, eine Aktentasche und einen Kugelblitze verschießenden Regenschirm (!) in den Händen haltend, wobei er zum Auftakt seiner Schatzsuche von Gomez mit einem präzise gezielten Golfball begrüßt wird. Das ähnlich einem Kinosaal, mit Zuschauern im Vordergrund aufgebaute Spielfeld kann direkt als ein übliches und stinknormales Jump´n´run identifiziert werden. Auf den andauernden Golfball-Regen achtend, muss man sich zunächst, über einige Gräber und einen Haifisch-Teich hüpfend, schleunigst in die "Sicherheit" des Addams-Hauses bringen. Auf dieser kurzen Strecke wird man als Spieler bereits merken, dass die Steuerung ein wenig gewöhnungsbedürftig und das Spieldesign irgendwie arg altbacken wirken. So ähnlich simpel aufgebaute Spiele hat man ja doch schon viel früher auf einem C-64 oder Amstrad CPC gespielt, daher mag es anfangs etwas verwundern, dass NEC sich für ein derart altes Spielkonzept bei der Umsetzung des ersten Addams-Kinofilms entschied. Aber wie schon gesagt, das Spiel war ja nur für den amerikanischen Markt vorgesehen, und vielleicht wollte man ja gerade die (Vorsicht! Ironiefalle!) sehr traditionsbewussten Amerikaner nicht mit irgendeinem japanischen und womöglich ganz konfusen Spieldesign konfrontieren. Wie auch immer, nach einer Weile des Spielens geht auch diese Steuerung mit ihren Eigenheiten ins Blut über und man gewöhnt sich relativ schnell an das Spiel. Daher darf meiner Ansicht nach über die Spielbarkeit nicht gemeckert werden.

Im Haus angelangt, läuft man sogleich dem mit Glühbirnen um sich werfenden Onkel Fester in die Arme, welcher erst mit einigen Blitzen bedient werden möchte, bevor er nach einigen für ihn sehr typischen Beschimpfungen, Aufregungen und Warnungen aus Versehen einen Schlüssel fallen lässt. Mit diesem lässt sich nun die große Treppenhalle betreten, in der viele weitere, farbig gekennzeichnete Türen auf Tully warten. Hier fängt nun der etwas adventurelastige Teil des Spieles an, bei dem die vielen, meist nur einen oder wenige Screens beherbergenden Türen auf der Suche nach weiteren Schlüsseln sowie kostbaren Edelsteinen betreten werden müssen. Dabei trifft man auch die anderen Mitglieder der Familie, die sich ebenfalls wie Gomez sofort auf Tullys lustiges "Spiel" einlassen. So muss sich Tully zum Beispiel gegen Wednesdays und Pugsleys nicht ungefährliches Spielzeug oder Grannys kulinarische Kunst behaupten. Diverse Fallen, wie die den Spieler wieder nach draußen befördernden Türen, erschweren zusätzlich die Suchaktion. Wenn man aber die fiesen Tricks der Addams erst einmal kennt, können diese beim nächsten Mal umgangen werden. Neben den Edelsteinen, welche das Punktekonto erhöhen bzw. Tullys Geldbörse kräftig anwachsen lassen und ihm alle 10.000 Dollar zusätzliche, als schwache Smartbomben fungierende Akten (in die Hocke gehen und Select drücken) in seine Tasche zaubern, gibt es auch noch einen besseren Regenschirm, einen Werwolf-Verwandlungstrank, Herzen zur Auffrischung der eingebüßten Lebensenergie und einen Degen zu finden. Den Degen sollte man auf jeden Fall bereits in der Tasche haben, bevor man mit dem letzten Schlüssel den Raum mit dem Zugang zum unterirdischen Addams-Gewölbe betritt. Nachdem man den dort wartenden Gomez in einem Fechtkampf besiegt, geht es im nächsten, weitaus schwierigeren Teil des Spieles weiter. Der lange Weg zum gut gefüllten Tresor der Addams ist mit noch fieseren Fallen, wie etwa einer Fallgrube oder dem hinter einer Tür lauernden und hungrigen Hauslöwen Kitty Cat, und noch gefährlicheren Gegnern gespickt. Da das Spiel keine Extra-Leben gewährt und auch keine Continue-Option aufweist und daher komplett am Stück bewältigt werden muss, sollte man bis dahin am besten keines der vier anfänglichen Leben verbraucht haben. Dadurch gestaltet sich dieses PCE-Spiel nicht ganz so einfach, aber es bleibt auf längere Sicht motivierender als so manch anderes Spiel mit tausenden von Zusatzleben. Mit der richtigen Vorgehensweise sollte man mit jedem weiteren Anlauf jedoch immer etwas weiter vorankommen. Und irgendwann steht man vor dem Addams-Schatz und auch wieder vor Gomez, der wiederholt alles daran setzt Tully am Sieg zu hindern.

Grafisch zeigt sich das Spiel ebenfalls von einer eher schlichten Seite. Die Comic-Darstellung ist relativ grobkörnig und flächig, so dass sie niemanden vom Hocker reißt. Dennoch versprüht sie die nötige Atmosphäre, die vor allem durch die makabren Addams-Dinge unterstrichen wird wie zum Beispiel das Gemälde mit der untergehenden Titanic oder die vielen lecker zubereiteten Häppchen wie etwa ein Frosch am Spieß. Das alles erinnert stark an die alte Fernsehserie und die guten Kinofilme. Soundtechnisch glänzt das Spiel aber mit dem perfekten, bereits erwähnten Titelsong, einer sehr gelungenen Sprachausgabe sowie der passenden Akustik während der Spiel-Action. Auf diesem Sektor können selbst die viel besseren Addams Family-Spiele von Ocean direkt einpacken. Aus meiner Sicht der Dinge also ein kleiner Minus-Punkt für die Grafik, dafür aber ein dicker Plus-Punkt für die Musik.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass "The Addams Family" auf der PCE wahrlich ein zweischneidiges Schwert ist. Die einen empfinden das recht linear und simpel aufgebaute Spiel als grauenhaft und unspielbar, primär wohl wegen der unter den Möglichkeiten der PC-Engine liegenden technischen Darbietung. Die anderen Spieler, die echten Addams-Fans, müssen dieses Spiel wiederum dermaßen grauenhaft schrecklich finden, dass es ihnen gerade aus diesem Grund einfach nur puren Spaß bereiten muss. Zudem würde ich behaupten, dass dieses Spiel auf einem anderen 8-Bit-System wie etwa dem Commodore 64 im Allgemeinen eine viel bessere Bewertung erhalten hätte. Wenn man "The Addams Family" also vollkommen unabhängig von der Hardware betrachtet, so sind objektive fünf Punkte auf jeden Fall drin. Wahre Addams-Fans können sich je nach ihrem Fan-Grad noch einen bis fünf weitere Punkte dazu addieren. =)