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Dragon Quest 9 - Göttlich, oder einfach nur himmlisch?
Dies ist die Frage, die man sich bei "Dragon Quest 9 - Sentinels
of the Starry Skies" zwangsläufig stellen muss. Als das Spiel,
das bei uns unter dem Namen "Hüter des Himmels" veröffentlich
wurde, für den Nintendo DS angekündigt wurde, gab es bezüglich
der Hardware-Auswahl viele skeptische Äußerungen. Konnte
das Spiel auf einem technisch derart eingeschränkten Gerät
dem gefeierten Playstation 2-Vorgänger überhaupt nur im Ansatz
das Wasser reichen? Und dann noch mit Mehrspieler-Funktionalität?
An diese Vorstellung mochten seinerzeit nur wenige glauben, aber wie
wir mittlerweile wissen, wurden die Erwartungen deutlich übertroffen.
Das neunte Kapitel des japanischen Rollenspielriesen schlug wie eine
Bombe ein und wurde fast überall mit Höchstauszeichnungen
gefeiert. Obwohl ich mich anfangs zu den Skeptikern zählte, habe
ich mir als Dragon Quest-Fan das Spiel geholt und es in den letzten
Wochen mehr als ausgiebig getestet.
Dass "Dragon Quest 9" etwas anders als all seine Vorgänger
ist, bekommt man direkt nach dem tollen Anime-Opener zu spüren,
denn vor dem Abtauchen in das fröhlich-bunte Abenteuer muss man
zunächst seinen eigenen Helden kreieren, wobei dessen Aussehen
recht individuell festgelegt werden kann. Ist dies erledigt, findet
man sich hoch über den Wolken im Observatorium wieder, von wo aus
die Engel bzw. Himmlischen, wie sie hier genannt werden, über die
Welt der Sterblichen wachen. Somit übernimmt man zum ersten Mal
in der langjährigen Dragon Quest-Tradition die Rolle eines unsterblichen
Charakters. Als echter Schutzengel nimmt man sogleich seine Aufgabe
wahr und greift den Menschen eines kleinen Dorfes unsichtbar, aber tatkräftig
unter die Arme. Der Lohn dieser Mühen ist deren Dankbarkeit, die
dem sich im Observatorium befindenden Weltenbaum dargebracht wird. Den
Überlieferungen der Himmlischen zufolge werden sie von ihren Pflichten
als Hüter der Menschen befreit, wenn der Baum Früchte trägt,
die mit der geernteten Dankbarkeit zum Wachsen angeregt werden. Und
wie man sich denken kann, steuern wir mit unserer unerschöpflichen
Euphorie den entscheidenden Anteil dazu bei. Der Traum der Himmlischen
geht somit in Erfüllung, wird aber durch einen gemeinen Angriff
sofort wieder zerstört. Dunkle Strahlen aus dem Reich der Sterblichen
verwüsten das Observatorium und lassen uns in die Tiefe herabstürzen.
Im bereits bekannten Dorf Engelsfälle wachen wir wieder auf, jedoch
ohne Flügel und Heiligenschein und für jedermann sichtbar.
In die Charakterklasse eines Barden gezwängt, nimmt man sich nun
der Aufgabe an, den Weg in den Himmel zurück zu finden. Dabei vernachlässigt
man aber nicht seine Pflichten als Schutzengel und hilft einem jungen
Mädchen bei der Eröffnung einer Gaststätte in der benachbarten
Großstadt.
Durch diese Tat kommt man in den Genuss zahlreicher Dienstleistungen
einer blühenden Gaststätte, unter anderem der Rekrutierung
neuer Mitstreiter. Bis zu drei weitere Charaktere dürfen hier erstellt
und in die eigene Gruppe aufgenommen werden. Dabei stehen einem sechs
von insgesamt zwölf verschiedenen Charakterklassen zur Verfügung,
die den klassischen Berufen eines Kriegers, Diebes, Barden, Kampfkünstlers,
Priesters oder Magiers nachgehen können. Die sechs weiteren Klassen
wie der Gladiator oder der Paladin kann man erst im späteren Spielverlauf
oder nach dem Beenden des Spieles durch die Lösung optionaler Aufgaben
freischalten. Dazu aber später mehr. Bereits an dieser Stelle lässt
sich alternativ auch der lokale Mehrspielermodus in Anspruch nehmen,
um das Abenteuer mit seinen Freunden bestreiten zu können. Auf
diese Option musste ich jedoch völlig verzichten, da sich in meinem
Bekanntenkreis kein weiterer Dragon Quest-Anhänger finden lässt.
Mit einer selbstgenerierten Gruppe macht das Spiel aber genauso viel
Spaß.
Weitere Unterstützung findet man in Form einer frechen rosafarbenen
Fee, die sich als Zugführerin des Sternenexpress ausgibt, jener
magischen Lokomotive, die die Himmlischen nach getaner Pflicht in das
Reich des Allmächtigen befördern sollte. Nach der Katastrophe
im Observatorium ist dieser himmlische Zug ebenfalls kraftlos im Reich
der Sterblichen gelandet. Um das Gefährt wieder fahrtauglich zu
machen, müssen wir erneut einen Haufen Dankbarkeit zusammenkratzen.
In Begleitung der verflippt süßen Dame, die mir zugegebenermaßen
aufgrund des hohen Kitschfaktors anfangs einen regelrechten Schock verpasste,
uns dafür zum Ausgleich einen Einblick in ein umfangreiches Abenteuerlogbuch
verschafft, macht man sich auf die Suche nach bedürftigen Seelen,
denn im Gegensatz zu normalen Menschen ist man noch in der Lage, ruhelose
Geister zu sehen.
Eine märchenhafte Eskapade um einen geheimnisvollen schwarzen
Ritter mitsamt einer hübschen Prinzessin liefert uns sofort eine
Menge der erforderlichen Arbeit. Sind deren Herzen mit Glück gefüllt,
geht es in einer von Krankheit verseuchten Stadt weiter. Meistert man
auch diese Aufgabe mit Bravour, bricht man mit dem Sternenexpress endlich
in die himmlische Heimat auf. Dort angekommen, wird man jedoch vom weisen
Anführer der Engel wieder zurück zur Erde abkommandiert, um
die ebenfalls herabgefallenen Früchte des Weltenbaums zu bergen.
Insgesamt sieben Fyggen, so die Bezeichnung der göttlichen Früchte,
müssen dann unter bizarrsten Umständen aufgelesen werden.
Die weitere Handlung des Spieles entpuppt sich als eine Aneinanderreihung
vieler kleiner, etwas oberflächlich wirkender Mini-Rollenspiele,
die mehr oder weniger in sich abgeschlossen sind. Der typische charmante
Humor der Reihe, der mit einer wahrlich meisterhaften Übersetzung
mit witzigen Dialekten und unzähligen lustigen Wortspielen glänzt,
kaschiert jedoch diese recht simple Spielgestaltung. Glücklicherweise
gewinnt die Handlung später etwas mehr an Intensität und mündet
letztendlich in einem von der Bibel inspirierten Konflikt. Natürlich
mit einer gehörigen Portion Kitsch. Die Handlung des Spieles kann
dem einen oder anderen deshalb etwas übel aufstoßen. Mehr
wird an dieser Stelle aber nicht verraten. Für das Beenden des
Spieles habe ich insgesamt mehr als 50 Stunden gebraucht. Dies hängt
aber zum großen Teil mit den zahlreichen Nebenbeschäftigungen
zusammen, die dem geneigten Spieler regelrecht die gesamte Freizeit
eines Tages im Sekundenbruchteil stehlen können.
Unheimlich viel Aufwand kann man mit der Entwicklung des eigenen Charakters
bzw. der Charaktere betreiben. Das aus "Dragon Quest 8" bekannte
Talentsystem, das die Spezialisierung auf verschiedene Waffenarten erlaubt,
wurde hier nicht nur übernommen, sondern noch erheblich erweitert.
So kann man sich diesmal auch im Umgang mit dem Schild üben, seine
Stärke oder gar seine Spürnase ausbauen. Im Zusammenhang mit
der Option, die Charakterklasse in der Allesneu-Abtei jederzeit wechseln
zu können, kann man sich beispielsweise auch einen im Umgang mit
dem Schwert perfekt geschulten Magier heranzüchten. Die Möglichkeiten
sind sehr vielseitig, beanspruchen jedoch eine Menge Zeit, da jede neue
Charakterklasse mit der ersten Stufe beginnt. Aufleveln wird somit zum
Programm. Dies ist aber nicht unbedingt notwendig, da der allgemeine
Schwierigkeitsgrad der Kämpfe diesmal etwas mild ausgefallen ist
und man auch problemlos mit den sechs Standardklassen durch das Hauptspiel
kommt.
An dieser Stelle möchte ich kurz das Thema wechseln und auf das
Kampfsystem eingehen, das sich wie gewohnt rundenbasierend präsentiert.
Der bei nacheinander erfolgreich ausgeführten Standardangriffen
eingeführte Schadenmultiplikator sowie das Blocken mit dem Schild
verleihen dabei der Standardkeilerei einen leichten frischen Wind. Die
richtige Neuerung äußert sich aber im Ausbleiben der Zufallsbegegnungen.
Alle Monster sind nun im Vorfeld sichtbar und können mit entsprechendem
Geschick fast immer umgangen werden.
Um die Kämpfe überhaupt erfolgreich besehen zu können,
darf die richtige Ausrüstung auf keinen Fall vernachlässigt
werden. Und hierbei hat man wahrlich die Qual der Wahl, auch wenn dies
zu Beginn des Spieles noch nicht so deutlich ausgeprägt ist. Besonders
hervorzuheben ist hierbei die Tatsache, dass sich mit Ausnahme von Schmuck
wirklich jede einzige Waffe und jedes einzige Kleidungs- bzw. Ausrüstungsstück
optisch an unserem Helden bemerkbar macht. Dies ist wirklich phantastisch
und unheimlich motivierend, da man hier wirklich alle möglichen
Bekleidungskombinationen nach Lust und Laune ausprobieren darf. Neben
wuchtigen Plattenpanzern kommen dabei auch lustige Sachen wie Häschen-
oder Schleimkostüme nicht zu kurz. An viele der begehrten Objekte
ist aber gar nicht so leicht zu kommen, da die örtlichen Shops
nur ein recht begrenztes Sortiment führen. Der ebenfalls aus "Dragon
Quest 8" bekannte Alchemiepott sorgt für etwas Abhilfe, setzt
aber die Kenntnis der richtigen Rezepte voraus, da das Brauen frei nach
Schnauze kaum zum Erfolg führt. Die Suche nach Rezepten und vor
allem den erforderlichen Materialien entwickelt sich deshalb zu einem
weiteren Zeitfresser. Nebenbei darf man auch noch nach den beliebten
Mini-Medaillen Ausschau halten. Als ob dies nicht genug des Guten wäre,
wird man von den meisten Bewohnern der wirklich umfangreichen Welt mit
diversen Aufträgen betraut. Diese optionalen Aufgaben bringen die
mannigfaltigsten Belohnungen mit sich, die von seltenen Gegenständen,
den bereits erwähnten neuen Charakterklassen oder gar Gesten, die
für die Kommunikation im Mehrspielermodus dienlich sind, alles
mögliche abdecken. Viele der erteilten Aufträge sind dabei
derart wahnwitzig und knifflig, dass sie erst im Nachspiel gelöst
werden können. So muss zum Beispiel eine Anzahl der dicksten Monsterbrocken
mit der schwächsten Waffe besiegt werden. Das sind wahre Herausforderungen
für diejenigen, die von dem Spiel einfach nicht genug kriegen können.
Für exakt diese Spieler wurden auch die Schatzkarten ersonnen,
die Hinweise auf versteckte Grotten mit wirklich schweren optionalen
Bossen geben. Das Nachspiel wartet wirklich mit einer wahren Flut an
neuen Aufgaben auf. Leider vermisse ich beim Nachspiel ein höheres
Ziel, der den ganzen Aufwand rechtfertigen würde. Dieser Teil des
Spieles ist wirklich auf den Mehrspielermodus zugeschnitten und enthält
dem Solospieler eine Vielzahl an Extras vor, wie zum Beispiel 50% der
gesamten Garderobenausstattung. Dies finde ich etwas traurig.
Technisch ist "Dragon Quest 9" schlicht und ergreifend phänomenal.
Von Level 5 kann man aber auch nichts anderes erwarten, da dieses Entwicklerstudio
geradezu für technische Perfektion berüchtigt ist. Damit haben
wir es mit dem wahrscheinlich schönsten Nintendo DS-Rollenspiel
zu tun. Die bereits erwähnte optische Vielfalt der Garderobe spricht
bereits Bände. Tolle Landschaftsinszenierungen sowie eine vorbildliche
Interpretation der von Akira Toriyama entworfenen Charaktere und Monster
heben das Spiel in den DS-Himmel. Musikalisch verhält es sich nicht
anders. Bekannte und neue Titel geben sich hier laufend die Klinke in
die Hand und überzeugen auf Schritt und Tritt. Die Touchscreen-Steuerung
funktioniert tadellos, lässt sich aber ignorieren, da man auch
alles ganz klassisch mit dem Steuerkreuz und den Buttons bedienen kann.
Trotz meiner ursprünglichen Vorbehalte muss ich nun gestehen,
dass "Dragon Quest 9 - Sentinels of the Starry Skies" allen
Anforderungen gerecht wurde und wohl zu den Höhepunkten der Reihe
gezählt werden darf. Mit der freien Erschaffung der Spielcharaktere,
die ohne jegliche Vorschattierung eine kompromisslose Identifikation
erlauben, halten hier zum ersten Mal westliche Aspekte in die alteingesessene
japanische Rollenspielkultur Einzug. Auch die Mehrspielerfunktionalität
sowie die zusätzlichen Inhalte, die man sich per Wi-Fi downloaden
kann, entsprechen eher der westlichen Philosophie. Ohne die alten Traditionen
der Reihe zu verletzen, hat diese Fusion der Reihe einen höheren
Bekanntheitsgrad verschafft. Jetzt schon ist es das meistverkaufte Dragon
Quest-Spiel überhaupt. Mein Fazit lautet deshalb: unbedingt kaufen!
Die etwas schwammige und an manchen Stellen zu lächerlich wirkende
Handlung sowie das beschnittene Solospiel verwehren dem Spiel jedoch
die Höchstwertung.
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