Dragon Quest 9 - Sentinels of the Starry Skies
RPG


Minrod
November 10

 


Dragon Quest 9 - Göttlich, oder einfach nur himmlisch?

Dies ist die Frage, die man sich bei "Dragon Quest 9 - Sentinels of the Starry Skies" zwangsläufig stellen muss. Als das Spiel, das bei uns unter dem Namen "Hüter des Himmels" veröffentlich wurde, für den Nintendo DS angekündigt wurde, gab es bezüglich der Hardware-Auswahl viele skeptische Äußerungen. Konnte das Spiel auf einem technisch derart eingeschränkten Gerät dem gefeierten Playstation 2-Vorgänger überhaupt nur im Ansatz das Wasser reichen? Und dann noch mit Mehrspieler-Funktionalität? An diese Vorstellung mochten seinerzeit nur wenige glauben, aber wie wir mittlerweile wissen, wurden die Erwartungen deutlich übertroffen. Das neunte Kapitel des japanischen Rollenspielriesen schlug wie eine Bombe ein und wurde fast überall mit Höchstauszeichnungen gefeiert. Obwohl ich mich anfangs zu den Skeptikern zählte, habe ich mir als Dragon Quest-Fan das Spiel geholt und es in den letzten Wochen mehr als ausgiebig getestet.

Dass "Dragon Quest 9" etwas anders als all seine Vorgänger ist, bekommt man direkt nach dem tollen Anime-Opener zu spüren, denn vor dem Abtauchen in das fröhlich-bunte Abenteuer muss man zunächst seinen eigenen Helden kreieren, wobei dessen Aussehen recht individuell festgelegt werden kann. Ist dies erledigt, findet man sich hoch über den Wolken im Observatorium wieder, von wo aus die Engel bzw. Himmlischen, wie sie hier genannt werden, über die Welt der Sterblichen wachen. Somit übernimmt man zum ersten Mal in der langjährigen Dragon Quest-Tradition die Rolle eines unsterblichen Charakters. Als echter Schutzengel nimmt man sogleich seine Aufgabe wahr und greift den Menschen eines kleinen Dorfes unsichtbar, aber tatkräftig unter die Arme. Der Lohn dieser Mühen ist deren Dankbarkeit, die dem sich im Observatorium befindenden Weltenbaum dargebracht wird. Den Überlieferungen der Himmlischen zufolge werden sie von ihren Pflichten als Hüter der Menschen befreit, wenn der Baum Früchte trägt, die mit der geernteten Dankbarkeit zum Wachsen angeregt werden. Und wie man sich denken kann, steuern wir mit unserer unerschöpflichen Euphorie den entscheidenden Anteil dazu bei. Der Traum der Himmlischen geht somit in Erfüllung, wird aber durch einen gemeinen Angriff sofort wieder zerstört. Dunkle Strahlen aus dem Reich der Sterblichen verwüsten das Observatorium und lassen uns in die Tiefe herabstürzen. Im bereits bekannten Dorf Engelsfälle wachen wir wieder auf, jedoch ohne Flügel und Heiligenschein und für jedermann sichtbar. In die Charakterklasse eines Barden gezwängt, nimmt man sich nun der Aufgabe an, den Weg in den Himmel zurück zu finden. Dabei vernachlässigt man aber nicht seine Pflichten als Schutzengel und hilft einem jungen Mädchen bei der Eröffnung einer Gaststätte in der benachbarten Großstadt.

Durch diese Tat kommt man in den Genuss zahlreicher Dienstleistungen einer blühenden Gaststätte, unter anderem der Rekrutierung neuer Mitstreiter. Bis zu drei weitere Charaktere dürfen hier erstellt und in die eigene Gruppe aufgenommen werden. Dabei stehen einem sechs von insgesamt zwölf verschiedenen Charakterklassen zur Verfügung, die den klassischen Berufen eines Kriegers, Diebes, Barden, Kampfkünstlers, Priesters oder Magiers nachgehen können. Die sechs weiteren Klassen wie der Gladiator oder der Paladin kann man erst im späteren Spielverlauf oder nach dem Beenden des Spieles durch die Lösung optionaler Aufgaben freischalten. Dazu aber später mehr. Bereits an dieser Stelle lässt sich alternativ auch der lokale Mehrspielermodus in Anspruch nehmen, um das Abenteuer mit seinen Freunden bestreiten zu können. Auf diese Option musste ich jedoch völlig verzichten, da sich in meinem Bekanntenkreis kein weiterer Dragon Quest-Anhänger finden lässt. Mit einer selbstgenerierten Gruppe macht das Spiel aber genauso viel Spaß.

Weitere Unterstützung findet man in Form einer frechen rosafarbenen Fee, die sich als Zugführerin des Sternenexpress ausgibt, jener magischen Lokomotive, die die Himmlischen nach getaner Pflicht in das Reich des Allmächtigen befördern sollte. Nach der Katastrophe im Observatorium ist dieser himmlische Zug ebenfalls kraftlos im Reich der Sterblichen gelandet. Um das Gefährt wieder fahrtauglich zu machen, müssen wir erneut einen Haufen Dankbarkeit zusammenkratzen. In Begleitung der verflippt süßen Dame, die mir zugegebenermaßen aufgrund des hohen Kitschfaktors anfangs einen regelrechten Schock verpasste, uns dafür zum Ausgleich einen Einblick in ein umfangreiches Abenteuerlogbuch verschafft, macht man sich auf die Suche nach bedürftigen Seelen, denn im Gegensatz zu normalen Menschen ist man noch in der Lage, ruhelose Geister zu sehen.

Eine märchenhafte Eskapade um einen geheimnisvollen schwarzen Ritter mitsamt einer hübschen Prinzessin liefert uns sofort eine Menge der erforderlichen Arbeit. Sind deren Herzen mit Glück gefüllt, geht es in einer von Krankheit verseuchten Stadt weiter. Meistert man auch diese Aufgabe mit Bravour, bricht man mit dem Sternenexpress endlich in die himmlische Heimat auf. Dort angekommen, wird man jedoch vom weisen Anführer der Engel wieder zurück zur Erde abkommandiert, um die ebenfalls herabgefallenen Früchte des Weltenbaums zu bergen. Insgesamt sieben Fyggen, so die Bezeichnung der göttlichen Früchte, müssen dann unter bizarrsten Umständen aufgelesen werden. Die weitere Handlung des Spieles entpuppt sich als eine Aneinanderreihung vieler kleiner, etwas oberflächlich wirkender Mini-Rollenspiele, die mehr oder weniger in sich abgeschlossen sind. Der typische charmante Humor der Reihe, der mit einer wahrlich meisterhaften Übersetzung mit witzigen Dialekten und unzähligen lustigen Wortspielen glänzt, kaschiert jedoch diese recht simple Spielgestaltung. Glücklicherweise gewinnt die Handlung später etwas mehr an Intensität und mündet letztendlich in einem von der Bibel inspirierten Konflikt. Natürlich mit einer gehörigen Portion Kitsch. Die Handlung des Spieles kann dem einen oder anderen deshalb etwas übel aufstoßen. Mehr wird an dieser Stelle aber nicht verraten. Für das Beenden des Spieles habe ich insgesamt mehr als 50 Stunden gebraucht. Dies hängt aber zum großen Teil mit den zahlreichen Nebenbeschäftigungen zusammen, die dem geneigten Spieler regelrecht die gesamte Freizeit eines Tages im Sekundenbruchteil stehlen können.

Unheimlich viel Aufwand kann man mit der Entwicklung des eigenen Charakters bzw. der Charaktere betreiben. Das aus "Dragon Quest 8" bekannte Talentsystem, das die Spezialisierung auf verschiedene Waffenarten erlaubt, wurde hier nicht nur übernommen, sondern noch erheblich erweitert. So kann man sich diesmal auch im Umgang mit dem Schild üben, seine Stärke oder gar seine Spürnase ausbauen. Im Zusammenhang mit der Option, die Charakterklasse in der Allesneu-Abtei jederzeit wechseln zu können, kann man sich beispielsweise auch einen im Umgang mit dem Schwert perfekt geschulten Magier heranzüchten. Die Möglichkeiten sind sehr vielseitig, beanspruchen jedoch eine Menge Zeit, da jede neue Charakterklasse mit der ersten Stufe beginnt. Aufleveln wird somit zum Programm. Dies ist aber nicht unbedingt notwendig, da der allgemeine Schwierigkeitsgrad der Kämpfe diesmal etwas mild ausgefallen ist und man auch problemlos mit den sechs Standardklassen durch das Hauptspiel kommt.

An dieser Stelle möchte ich kurz das Thema wechseln und auf das Kampfsystem eingehen, das sich wie gewohnt rundenbasierend präsentiert. Der bei nacheinander erfolgreich ausgeführten Standardangriffen eingeführte Schadenmultiplikator sowie das Blocken mit dem Schild verleihen dabei der Standardkeilerei einen leichten frischen Wind. Die richtige Neuerung äußert sich aber im Ausbleiben der Zufallsbegegnungen. Alle Monster sind nun im Vorfeld sichtbar und können mit entsprechendem Geschick fast immer umgangen werden.

Um die Kämpfe überhaupt erfolgreich besehen zu können, darf die richtige Ausrüstung auf keinen Fall vernachlässigt werden. Und hierbei hat man wahrlich die Qual der Wahl, auch wenn dies zu Beginn des Spieles noch nicht so deutlich ausgeprägt ist. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Tatsache, dass sich mit Ausnahme von Schmuck wirklich jede einzige Waffe und jedes einzige Kleidungs- bzw. Ausrüstungsstück optisch an unserem Helden bemerkbar macht. Dies ist wirklich phantastisch und unheimlich motivierend, da man hier wirklich alle möglichen Bekleidungskombinationen nach Lust und Laune ausprobieren darf. Neben wuchtigen Plattenpanzern kommen dabei auch lustige Sachen wie Häschen- oder Schleimkostüme nicht zu kurz. An viele der begehrten Objekte ist aber gar nicht so leicht zu kommen, da die örtlichen Shops nur ein recht begrenztes Sortiment führen. Der ebenfalls aus "Dragon Quest 8" bekannte Alchemiepott sorgt für etwas Abhilfe, setzt aber die Kenntnis der richtigen Rezepte voraus, da das Brauen frei nach Schnauze kaum zum Erfolg führt. Die Suche nach Rezepten und vor allem den erforderlichen Materialien entwickelt sich deshalb zu einem weiteren Zeitfresser. Nebenbei darf man auch noch nach den beliebten Mini-Medaillen Ausschau halten. Als ob dies nicht genug des Guten wäre, wird man von den meisten Bewohnern der wirklich umfangreichen Welt mit diversen Aufträgen betraut. Diese optionalen Aufgaben bringen die mannigfaltigsten Belohnungen mit sich, die von seltenen Gegenständen, den bereits erwähnten neuen Charakterklassen oder gar Gesten, die für die Kommunikation im Mehrspielermodus dienlich sind, alles mögliche abdecken. Viele der erteilten Aufträge sind dabei derart wahnwitzig und knifflig, dass sie erst im Nachspiel gelöst werden können. So muss zum Beispiel eine Anzahl der dicksten Monsterbrocken mit der schwächsten Waffe besiegt werden. Das sind wahre Herausforderungen für diejenigen, die von dem Spiel einfach nicht genug kriegen können. Für exakt diese Spieler wurden auch die Schatzkarten ersonnen, die Hinweise auf versteckte Grotten mit wirklich schweren optionalen Bossen geben. Das Nachspiel wartet wirklich mit einer wahren Flut an neuen Aufgaben auf. Leider vermisse ich beim Nachspiel ein höheres Ziel, der den ganzen Aufwand rechtfertigen würde. Dieser Teil des Spieles ist wirklich auf den Mehrspielermodus zugeschnitten und enthält dem Solospieler eine Vielzahl an Extras vor, wie zum Beispiel 50% der gesamten Garderobenausstattung. Dies finde ich etwas traurig.

Technisch ist "Dragon Quest 9" schlicht und ergreifend phänomenal. Von Level 5 kann man aber auch nichts anderes erwarten, da dieses Entwicklerstudio geradezu für technische Perfektion berüchtigt ist. Damit haben wir es mit dem wahrscheinlich schönsten Nintendo DS-Rollenspiel zu tun. Die bereits erwähnte optische Vielfalt der Garderobe spricht bereits Bände. Tolle Landschaftsinszenierungen sowie eine vorbildliche Interpretation der von Akira Toriyama entworfenen Charaktere und Monster heben das Spiel in den DS-Himmel. Musikalisch verhält es sich nicht anders. Bekannte und neue Titel geben sich hier laufend die Klinke in die Hand und überzeugen auf Schritt und Tritt. Die Touchscreen-Steuerung funktioniert tadellos, lässt sich aber ignorieren, da man auch alles ganz klassisch mit dem Steuerkreuz und den Buttons bedienen kann.

Trotz meiner ursprünglichen Vorbehalte muss ich nun gestehen, dass "Dragon Quest 9 - Sentinels of the Starry Skies" allen Anforderungen gerecht wurde und wohl zu den Höhepunkten der Reihe gezählt werden darf. Mit der freien Erschaffung der Spielcharaktere, die ohne jegliche Vorschattierung eine kompromisslose Identifikation erlauben, halten hier zum ersten Mal westliche Aspekte in die alteingesessene japanische Rollenspielkultur Einzug. Auch die Mehrspielerfunktionalität sowie die zusätzlichen Inhalte, die man sich per Wi-Fi downloaden kann, entsprechen eher der westlichen Philosophie. Ohne die alten Traditionen der Reihe zu verletzen, hat diese Fusion der Reihe einen höheren Bekanntheitsgrad verschafft. Jetzt schon ist es das meistverkaufte Dragon Quest-Spiel überhaupt. Mein Fazit lautet deshalb: unbedingt kaufen! Die etwas schwammige und an manchen Stellen zu lächerlich wirkende Handlung sowie das beschnittene Solospiel verwehren dem Spiel jedoch die Höchstwertung.