Final Fantasy 9
RPG


Motherfreak
November 10

 


Innerhalb einer berühmten Reihe kann es auch Titel geben, die keine allzu große Anerkennung genießen. Als solch ein Fall lässt sich "Final Fantasy 9" ansehen, mit dem ich mich nun beschäftigen möchte. Auch wenn das Spiel kommerziell bei weitem nicht so erfolgreich wie der siebte oder achte Teil war, ist es mit seinen 530 Millionen verkauften Einheiten dennoch ein weltweiter Erfolg gewesen. "Final Fantasy 9" erschien 2000 zunächst in Japan und erst ein Jahr später in den Vereinigten Staaten und in Europa. Das Spiel war ursprünglich nicht nur für die Playstation sondern auch für den PC vorgesehen, diese Version wurde aber im Laufe der Entwicklung verworfen. Als Hommage an die ganz frühen Final Fantasy-Teile unter dem Motto "Back to the roots" kreiert, unterscheidet es sich deutlich von den vorherigen zwei Playstation-Teilen, die eine moderne und realistische Richtung einschlugen.

Das Setting von "Final Fantasy 9" ist in einer mittelalterlich anmutenden Welt angesiedelt, die den ersten sechs Final Fantasy-Spielen nicht unähnlich ist. Die von Yoshitaka Amano erstellten Charaktere bilden einen starken Gegensatz zu den in "Final Fantasy 8" realistisch dargestellten Figuren. Ob dies positiv oder negativ zu werten ist, sei jedem selbst überlassen. Für mich persönlich ist die an japanische Manga angelehnte Gestaltung recht charmant und durchaus sympathisch. Zudem können erstmalig nach "Final Fantasy 6" wieder vier Kämpfer gleichzeitig am Kampfgeschehen teilnehmen, womit wir gleich beim Kampfsystem wären. Dieses orientiert sich an den ersten Teilen der Reihe, indem hier wieder das in "Final Fantasy 4" zuerst verwendete Active Time Battle-System (ATB) Verwendung findet. Das wohl markanteste Merkmal dieses Systems ist die Zeitleiste, die sich abhängig vom Charakter, dessen Zustand und seiner Ausrüstung individuell füllt. Ist diese voll, kann eine Aktion ausgewählt und auch ausgeführt werden. Neben dem normalen Angriff, dem Einsatz von Items sowie der altbewährten Magie gibt es noch Spezialangriffe, die individuell auf jeden Charakter zugeschnitten sind. So kann zum Beispiel der Hauptcharakter Zidane stehlen und der Ritter Steiner mit Hilfe von Vivis Schwarzmagie auf Zauber basierende Schwerthiebe ausführen. Zudem existiert noch der so genannte Trance-Zustand, welcher durch eine weitere sich mit erlittenen Schadenspunkten auffüllende Leiste definiert wird. Ist diese voll, wechseln die Charaktere in den Trance-Modus. In diesem Modus werden die individuellen Spezialfähigkeiten der Charaktere durch stärkere ersetzt beziehungsweise verstärkt oder erweitert. Dieser Zustand, der nur ein paar Runden anhält, kann bei Bedarf jederzeit abgebrochen werden, die Leiste wird dabei aber trotzdem vollständig geleert. Leider ist der Zeitpunkt der Aktivierung nicht frei wählbar. Dies ist schade, denn somit ist eine taktische Vorgehensweise mit diesem Feature nicht wirklich möglich. Besonders schön finde ich die Einführung des Ability-Systems. Jeder angelegte Ausrüstungsgegenstand, sei es eine Rüstung, eine Waffe oder ein Accessoire, bringt bestimmte aktive oder passive Fähigkeiten mit sich, die beim Ablegen jedoch wieder verloren gehen. Um diese dauerhaft zu erlangen, müssen die entsprechenden Gegenstände solange benutzt bzw. getragen werden, bis man sich die jeweilige Fähigkeit durch das Sammeln einer entsprechenden Menge an Ability-Punkten vollständig aneignet.

Außerhalb des Kampfes steuert man die Spielfigur mit dem Analogstick oder klassisch mit den Richtungstasten durch die Oberwelt, prächtige Städte und verschiedene Dungeons. Dabei kann es vorkommen, dass über dem Kopf des Charakters ein Icon erscheint, was auf besondere Begebenheiten wie Rätsel, Truhen oder ähnliches hinweist. Abgesehen von den standardmäßig belegten Buttons für Bestätigen (X) und Ablehnen (Kreis), weist auch der Viereck-Knopf eine besondere Funktion auf, mit der es möglich ist, bestimmte Personen zum Mini-Spiel "Tetra Master" herauszufordern. Das Kartenspiel macht eine Menge Spaß und kann zur Sucht verleiten, so dass man das eigentliche Spiel schleifen lässt. Ein neues Feature von "Final Fantasy 9" ist das so genannte Active Time Event-System (ATE), mit dem man als Spieler optionale, gleichzeitig stattfindende Geschehnisse, zum Beispiel an Stellen, an denen die Gruppe getrennt wird, mitverfolgen kann. Dies ermöglicht zusätzliche Einblicke in die Denkweisen der einzelnen Charaktere oder gibt Hinweise auf bestimmte Objekte und Lösungswege. Bei der deutschen Übersetzung hat man sich viel mehr Mühe gegeben als bei den beiden direkten Vorgängern, so dass man die Story diesmal mit wahrer Freude verfolgen kann. Die Verwendung mehrerer Dialekte unterstreicht die hohe Qualität dieser Übersetzungsarbeit.

Die Grafik sieht für damalige Verhältnisse sehr gut aus. Sie gilt im Allgemeinen als der Höhepunkt des auf der Playstation Machbaren. Stellenweise wird die Spielgrafik von grandiosen Filmsequenzen unterbrochen, welche sich bis heute vor Nichts zu verstecken brauchen, ebenso wie der von Nobuo Uematsu komponierte Soundtrack. Akustisch ist man ebenfalls zu den Wurzeln der Reihe zurückgekehrt. Passend zum Setting geht es wieder in die klassische mittelalterliche Richtung. Das weitgehend orchestrale Arrangement stellt dabei einen dicken Pluspunkt gegenüber den beiden Vorgängern dar. Auch das von Emiko Shiratori gesungene Lied "Melodies of Life" ist hervorragend und gehört zu meinen absoluten Lieblingsstücken im Bereich der Videospiele.

Zum Schluss noch ein paar Worte zur Story. Die als Schauspieler getarnte Diebesgruppe "Tantalus" hat den Auftrag Prinzessin Garnet von Alexandria zu entführen. Der nach einem Rollenspielklischee anmutende Anfang wird bewusst sehr schnell widerlegt, als Garnet freiwillig mitgeht, um der Welt innerhalb des Schlosses und ihrer königlichen Stiefmutter zu entfliehen. Bei der Flucht mit dem Luftschiff kommen mehr oder weniger freiwillig zwei weitere Personen mit an Bord, der Hauptmann Adelbert Steiner und der Schwarzmagier Vivi. Als das Luftschiff über einem Wald abstürzt, macht sich Zidane zusammen mit Steiner auf die Suche nach Vivi und Prinzessin Garnet, die nach dem Absturz vermisst werden. Alle Charaktere, sei es Vivi oder der rätselhafte, immer nur ans Essen denkende Charakter Quina, sind durchaus liebenswürdig. Jeder von ihnen besitzt ein paar Macken, die das Spielgeschehen deutlich humorvoller und lockerer gestalten. Dennoch verfügen alle über eine gewisse Ernsthaftigkeit, und ihre Schicksale werden dem Spieler verständlich nähergebracht. Den Entwicklern ist es wirklich gelungen, den schmalen Grad zwischen Komik und Tragik zu begehen, ohne eine der Personen ins Lächerliche zu ziehen.

Fazit: Dies ist eines meiner absoluten Lieblingsspiele und bisher der einzige Final Fantasy-Titel in 3D, der mich angesprochen hat! Ich liebe klassische Rollenspiele sehr, vor allem wenn sie derart charmant sind. "Final Fantasy 9" weist unheimlich sympathisch ausgearbeitete Charaktere, einen stimmungsvollen, sehr zur Situation passenden Soundtrack sowie eine Welt auf, in die man sich gut hineinversetzen kann. Von solchen klassischen Rollenspielen möchte ich wieder mehr haben! Zehn von maximal zehn Punkten.