Genocide
Action

Minrod
April 11
 

Auf der Skala der unbeliebtesten Mech-Spiele für die PC-Engine residiert "Genocide" mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ganz weit oben, obwohl es auf den ersten Blick einen recht vielversprechenden Eindruck macht. Zudem genießt das ursprünglich auf dem Sharp X68000 erschienene Action-Spiel in Japan einen recht hohen Kultstatus. Wieso wird es dann bei uns regelrecht gehasst? Ist die hierzulande verbreitete PC-Engine-Konvertierung wirklich dermaßen misslungen? Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, habe ich mich in den letzten Tagen sehr intensiv mit dem Spiel befasst, sowohl in der Original- wie auch in der PC-Engine-Fassung.

Da die Handbücher ausschließlich mit japanischen Schriftzeichen bedruckt sind und eine Internet-Recherche keine verwertbaren Ergebnisse hervorbrachte, kann ich zur Handlung des Spieles nicht allzu viel sagen. Fakt ist, dass man hier die Kontrolle über einen riesigen und imposanten Ninja-Roboter übernimmt, um die Menschheit vor einer drohenden Katastrophe zu bewahren. Diese tritt in Form tödlicher Maschinen und gigantischer biomechanischer Bestien in Erscheinung, die stilecht mit einem Plasma-Schwert in Scheiben geschnitten werden wollen. Und damit haben wir schon den wesentlichen Aspekt gefunden, durch den sich "Genocide" von anderen äquivalenten Mech-Spielen unterscheidet. Während alle anderen Blechkollegen mit einem riesigen Arsenal an diversen Feuerwaffen auftrumpfen, muss man sich hier primär auf den Nahkampf verlassen.

Dadurch, dass in den zahlreichen vorwiegend von links nach rechts scrollenden Spielabschnitten alle Feinde besiegt werden müssen, fällt das Spielprinzip von "Genocide" recht simpel aus. Die umständliche Handhabung unseres Mech-Kriegers gestaltet das banale Unterfangen aber dennoch schwierig, obwohl man nur Zuschlagen und Springen kann. Eine geringe Reichweite der Waffe, eine etwas unpräzise Steuerung, die in der PC-Engine-Konvertierung zudem noch hakelig ausfällt, sowie eine brutale Überlegenheit der feindlichen Einheiten lassen den langen und komfortabel aussehenden Energiebalken unseres Roboters in rasanter Geschwindigkeit dahinschwinden. Mit der Zeit führt dies zu wahren Verzweiflungsausbrüchen. Dabei beginnt das Spiel noch recht harmlos, so dass sich anfangs der Energievorrat durch die Aufnahme einiger Energiekapseln erheblich aufstocken lässt. Nach einigen Spielabschnitten kriegt man es jedoch mit einer ganzen Flut an tödlichen Kampfmaschinen gleichzeitig zu tun, die einen regelrecht in Stücke reißen. Und ab hier wird das bis dato recht unterhaltsame Spiel absolut frustrierend. Die meisten Spieler werden sich bereits an der ersten Herausforderung dieser Art die Zähne ausbeißen und nach nur wenigen Versuchen aufgeben. Hält man jedoch durch, wird man nach einiger Zeit mit einer zusätzlichen Waffe in Form einer fliegenden Kugel, die auf den Namen Betty hört, belohnt. Diese lässt sich durch das Drücken der Angriffstaste aufladen und im Zusammenhang mit den Richtungstasten in alle acht Richtungen abfeuern. Der Einsatz der wirklich tödlichen Betty gehört dann sofort zum absoluten Pflichtprogramm, da der Schwierigkeitsgrad noch weiter zunimmt. Die umständliche Bedienung der neuen Waffe verlangt aber ebenfalls eine ganze Menge an Übung. Der weitere Kampf gegen immer stärker werdende Gegner, die dazu noch in größerer Anzahl auftreten, verläuft nach ein und demselben Strickmuster. Für Abwechslung sorgt jedoch eine nette Riege an diversen Bossgegnern, die schwere Kampfroboter, ein Riesenraumschiff, obskure Mutationen sowie zu guter Letzt einen dreiköpfigen Zentralcomputer umfasst. Mit unendlich viel Ausdauer konnte ich wirklich den letzten Boss erreichen, habe dort aber das Handtuch geworfen, da man nach einem Game Over meistens etwas zurückgeworfen wird. Einige der härtesten Stellen im Spiel habe ich erst nach 50 oder mehr Versuchen überwinden können, und das noch mit einer guten Portion Glück. Diese Abschnitte dann noch einmal spielen zu müssen ist nach so vielen vergeblichen Mühen irgendwann mal doch äußerst unspaßig. "Genocide" ist deshalb ein absoluter Fall für hartgesottene Profi-Spieler.

Spielerisch betrachtet, fallen beide Versionen nahezu identisch aus, weisen jedoch einige technische Differenzen auf. So ist die X68000-Fassung sehr farbig, detailreich und stimmig gestaltet, während die PC-Engine-Ausgabe etwas klobig und aufgrund der beschränkten Farbpalette düster wirkt. Neben der bereits erwähnten, viel schlechteren Steuerung in der Konvertierung muss noch der gravierende Qualitätsunterschied bei der Musik zur Sprache kommen, denn in der Originalfassung weist "Genocide" eine unheimlich gelungene musikalische Untermalung auf, die einen großen Teil zur Motivation beiträgt. Sie hat sogar meine Aufmerksamkeit auf dieses Spiel gelenkt, da ich bereits im Vorfeld die dazugehörige Soundtrack-CD besaß, die mich dermaßen begeistern konnte, dass ich das Spiel unbedingt spielen wollte. Die Musikkulisse stellt demnach den absoluten Höhepunkt von "Genocide" dar. In der PC-Engine-Fassung kommen all die schönen Melodien allerdings überhaupt nicht zur Geltung, da das Spiel trotz des CD-Mediums eine derart komprimierte und schlechte Aufnahme spendiert bekam, dass sie in den Kampfgeräuschen klanglos untergeht. Die Musik hört sich an, als ob sie durch einen Telefonhörer aufgenommen wurde. So gesehen ist die PC-Engine-Version definitiv die zweite Wahl.

In der Gesamtwertung vergebe ich der Originalfassung sechs Punkte, da sie trotz des extrem hohen Schwierigkeitsgrades mit gelungener Präsentation und einem tollen Szenario aufwartet. Die PC-Engine-Konvertierung fällt aufgrund der aufgeführten technischen Mängel wesentlich schlechter aus, was ich mit Abzug von zwei Punkten bestrafen muss. Da sie kaum etwas kostet, sollte man bei Interesse jedoch zuerst hier einen Blick riskieren. Neben der beiden von mir gespielten Versionen gibt es noch eine weitere für den FM Towns Marty, die nicht nur um längen besser aussieht, sondern auch etwas im Spieldesign variiert. Leider hatte ich bislang noch keinen Zugriff auf sie.