Auf der Skala der unbeliebtesten Mech-Spiele für die PC-Engine residiert
"Genocide" mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ganz
weit oben, obwohl es auf den ersten Blick einen recht vielversprechenden
Eindruck macht. Zudem genießt das ursprünglich auf dem Sharp
X68000 erschienene Action-Spiel in Japan einen recht hohen Kultstatus.
Wieso wird es dann bei uns regelrecht gehasst? Ist die hierzulande verbreitete
PC-Engine-Konvertierung wirklich dermaßen misslungen? Um auf diese
Fragen eine Antwort zu finden, habe ich mich in den letzten Tagen sehr
intensiv mit dem Spiel befasst, sowohl in der Original- wie auch in der
PC-Engine-Fassung.
Da die Handbücher ausschließlich mit japanischen Schriftzeichen
bedruckt sind und eine Internet-Recherche keine verwertbaren Ergebnisse
hervorbrachte, kann ich zur Handlung des Spieles nicht allzu viel sagen.
Fakt ist, dass man hier die Kontrolle über einen riesigen und imposanten
Ninja-Roboter übernimmt, um die Menschheit vor einer drohenden
Katastrophe zu bewahren. Diese tritt in Form tödlicher Maschinen
und gigantischer biomechanischer Bestien in Erscheinung, die stilecht
mit einem Plasma-Schwert in Scheiben geschnitten werden wollen. Und
damit haben wir schon den wesentlichen Aspekt gefunden, durch den sich
"Genocide" von anderen äquivalenten Mech-Spielen unterscheidet.
Während alle anderen Blechkollegen mit einem riesigen Arsenal an
diversen Feuerwaffen auftrumpfen, muss man sich hier primär auf
den Nahkampf verlassen.
Dadurch, dass in den zahlreichen vorwiegend von links nach rechts scrollenden
Spielabschnitten alle Feinde besiegt werden müssen, fällt
das Spielprinzip von "Genocide" recht simpel aus. Die umständliche
Handhabung unseres Mech-Kriegers gestaltet das banale Unterfangen aber
dennoch schwierig, obwohl man nur Zuschlagen und Springen kann. Eine
geringe Reichweite der Waffe, eine etwas unpräzise Steuerung, die
in der PC-Engine-Konvertierung zudem noch hakelig ausfällt, sowie
eine brutale Überlegenheit der feindlichen Einheiten lassen den
langen und komfortabel aussehenden Energiebalken unseres Roboters in
rasanter Geschwindigkeit dahinschwinden. Mit der Zeit führt dies
zu wahren Verzweiflungsausbrüchen. Dabei beginnt das Spiel noch
recht harmlos, so dass sich anfangs der Energievorrat durch die Aufnahme
einiger Energiekapseln erheblich aufstocken lässt. Nach einigen
Spielabschnitten kriegt man es jedoch mit einer ganzen Flut an tödlichen
Kampfmaschinen gleichzeitig zu tun, die einen regelrecht in Stücke
reißen. Und ab hier wird das bis dato recht unterhaltsame Spiel
absolut frustrierend. Die meisten Spieler werden sich bereits an der
ersten Herausforderung dieser Art die Zähne ausbeißen und
nach nur wenigen Versuchen aufgeben. Hält man jedoch durch, wird
man nach einiger Zeit mit einer zusätzlichen Waffe in Form einer
fliegenden Kugel, die auf den Namen Betty hört, belohnt. Diese
lässt sich durch das Drücken der Angriffstaste aufladen und
im Zusammenhang mit den Richtungstasten in alle acht Richtungen abfeuern.
Der Einsatz der wirklich tödlichen Betty gehört dann sofort
zum absoluten Pflichtprogramm, da der Schwierigkeitsgrad noch weiter
zunimmt. Die umständliche Bedienung der neuen Waffe verlangt aber
ebenfalls eine ganze Menge an Übung. Der weitere Kampf gegen immer
stärker werdende Gegner, die dazu noch in größerer Anzahl
auftreten, verläuft nach ein und demselben Strickmuster. Für
Abwechslung sorgt jedoch eine nette Riege an diversen Bossgegnern, die
schwere Kampfroboter, ein Riesenraumschiff, obskure Mutationen sowie
zu guter Letzt einen dreiköpfigen Zentralcomputer umfasst. Mit
unendlich viel Ausdauer konnte ich wirklich den letzten Boss erreichen,
habe dort aber das Handtuch geworfen, da man nach einem Game Over meistens
etwas zurückgeworfen wird. Einige der härtesten Stellen im
Spiel habe ich erst nach 50 oder mehr Versuchen überwinden können,
und das noch mit einer guten Portion Glück. Diese Abschnitte dann
noch einmal spielen zu müssen ist nach so vielen vergeblichen Mühen
irgendwann mal doch äußerst unspaßig. "Genocide"
ist deshalb ein absoluter Fall für hartgesottene Profi-Spieler.
Spielerisch betrachtet, fallen beide Versionen nahezu identisch aus,
weisen jedoch einige technische Differenzen auf. So ist die X68000-Fassung
sehr farbig, detailreich und stimmig gestaltet, während die PC-Engine-Ausgabe
etwas klobig und aufgrund der beschränkten Farbpalette düster
wirkt. Neben der bereits erwähnten, viel schlechteren Steuerung
in der Konvertierung muss noch der gravierende Qualitätsunterschied
bei der Musik zur Sprache kommen, denn in der Originalfassung weist
"Genocide" eine unheimlich gelungene musikalische Untermalung
auf, die einen großen Teil zur Motivation beiträgt. Sie hat
sogar meine Aufmerksamkeit auf dieses Spiel gelenkt, da ich bereits
im Vorfeld die dazugehörige Soundtrack-CD besaß, die mich
dermaßen begeistern konnte, dass ich das Spiel unbedingt spielen
wollte. Die Musikkulisse stellt demnach den absoluten Höhepunkt
von "Genocide" dar. In der PC-Engine-Fassung kommen all die
schönen Melodien allerdings überhaupt nicht zur Geltung, da
das Spiel trotz des CD-Mediums eine derart komprimierte und schlechte
Aufnahme spendiert bekam, dass sie in den Kampfgeräuschen klanglos
untergeht. Die Musik hört sich an, als ob sie durch einen Telefonhörer
aufgenommen wurde. So gesehen ist die PC-Engine-Version definitiv die
zweite Wahl.
In der Gesamtwertung vergebe ich der Originalfassung sechs Punkte,
da sie trotz des extrem hohen Schwierigkeitsgrades mit gelungener Präsentation
und einem tollen Szenario aufwartet. Die PC-Engine-Konvertierung fällt
aufgrund der aufgeführten technischen Mängel wesentlich schlechter
aus, was ich mit Abzug von zwei Punkten bestrafen muss. Da sie kaum
etwas kostet, sollte man bei Interesse jedoch zuerst hier einen Blick
riskieren. Neben der beiden von mir gespielten Versionen gibt es noch
eine weitere für den FM Towns Marty, die nicht nur um längen
besser aussieht, sondern auch etwas im Spieldesign variiert. Leider
hatte ich bislang noch keinen Zugriff auf sie.
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