Hachiemon
Jump´n´run

Minrod
März 11
 

Auf der Suche nach neuem Futter für meinen Game Boy Advance bin ich neulich über eine echte japanische Rarität gestolpert, die auf den Namen "Hachiemon" hört. Hinter diesem seltsam klingenden Namen verbirgt sich ein waschechtes, jedoch sehr kurioses Jump´n run, das mit einem total verrückten Charakter aus der Reihe fällt. Dieser ähnelt einem weißen Ei mit großen Lippen und scheint auf den ersten Blick recht unspektakulär. Dem ist aber nicht so, denn diese Figur hat es faustdick hinter den Ohren, auch wenn diese nicht vorhanden sind. Recherchen im Internet ergeben, dass sie entsprechend des Spieltitels Hachiemon heißt und das Maskottchen des großen japanischen Fernsehsenders Kansai Television ist. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass sie eine große Klappe hat, muss sie sich doch in einer hartumkämpften Kommunikationsbranche behaupten. Und dieses lockere Mundwerk stellt auch Hachiemons primäres Werkzeug in seinem abgedrehten Videospiel-Abenteuer dar.

Die Vorgeschichte des Spieles wird nicht nur in japanischen Schriftzeichen sondern auch in lustigen Bildern erzählt, so dass man sich grob einiges zusammenreimen kann. Hachiemon und seine Eier-Freunde verbringen gemeinsam einen vergnügten Tag, als plötzlich alle mundtot gemacht werden. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes, da irgendjemand ihre Lippen klaut. Ein kurzer Blick in die Umgebung bestätigt die schlimmsten Befürchtungen, da anscheinend die ganze Welt diesem dreisten Diebstahl zum Opfer gefallen ist. Aber Stopp, denn ein Individuum ist dem grauenvollen Anschlag entwischt: Hachiemon! Schnell findet er heraus, dass eine Bande cooler, bebrillter Eier-Köpfe hinter dieser globalen Zensur steckt und heftet sich an deren Fersen.

Im Spiel angelangt, wird man mit einem traditionellen 2D-Jump´n run im liebevollen Bitmap-Gewand konfrontiert, das einen förmlich in die seligen Super Nintendo-Zeiten zurückversetzt. Obwohl Hachiemon keine Beine besitzt, kann er problemlos hüpfen, sofern die Hindernisse nicht allzu groß sind. Ansonsten muss er auf seine Lippen zurückgreifen, mit denen er sich beinahe überall festklammern kann. Da das Mundwerkzeug sich noch etwas in die Länge ziehen lässt, kann man sich auf diese Weise überall hinkatapultieren, hochziehen oder an schwebenden Plattformen oder betäubten Gegnern entlang hangeln. Die Einsatzmöglichkeiten für die Lippen sind vielfältig und sind gekonnt im Leveldesign implementiert worden. Aber unser blasser Freund hat noch mehr auf dem Kasten, denn die Lippen lassen sich entfernen und einem Bumerang ähnlich durch die Luft werfen. Mit diesem Angriff kann man die Gegner betäuben, bei einem zweiten Treffer sogar aus den Latschen hauen oder einfach nur unerreichbare Gegenstände aufsammeln. Hachiemon isst gerne und stopft einfach alles in sich hinein, was ihm ab hundert leckeren Einheiten ein Extra-Leben beschert. Eine weitere und extrem heitere Möglichkeit, um an Extra-Leben zu gelangen, haben die Programmierer in Form weiblicher Hachiemon-Damen eingebaut, die man mit seinen Lippen stillecht abknutschen darf. Und wenn man sich dabei besonders geschickt anstellt, gebären sie einem auf der Stelle ein 1-Up-Baby! Absolut abgefahren! ^^ Die nächste besonders mächtige Aktionsmöglichkeit äußert sich im Rollangriff, der störende Lippen-Blöcke zerstört, bei hohem Gegneraufkommen jedoch aufgrund des auftretenden Schwindelgefühls wohlüberlegt eingesetzt werden sollte. Zu guter Letzt kann Hachiemon noch mit seiner tiefen Bass-Stimme brüllen, was zur Enttarnung unsichtbarer Items dient. Eine wichtige Funktion, zumal in jedem Spielabschnitt eine bestimmte Anzahl der geklauten Lippen beschafft werden muss.

Zu Beginn des Spieles darf aus drei unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden gewählt werden, die in der Höhe der aufzustöbernden Lippen, dem Gegneraufkommen und der verfügbaren Zeit variieren. Im normalen Schwierigkeitsgrad ist das Spiel bereits anspruchsvoll, was am abwechslungsreichen, aber niemals unfairen Leveldesign liegt, das mit diversen Verkleidungen wie der eines Pinguins oder eines Samurais jedes Mal aufs Neue überrascht. Die 22 Spielabschnitte, die auf einer Weltkarte einsehbar sind und jederzeit wieder betreten werden können, umfassen alle klassischen Gebiete wie Wälder, Sümpfe, Gebirge, Eis- und Wüstenlandschaften sowie moderne Städte. Grafisch wunderschön in Szene gesetzt, bestechen sie mit winzigen und witzigen Details. Wie alle Charaktere tritt auch jede sonstige Hintergrunddekoration im typischen Hachiemon-Ei-Design in Erscheinung. Hachiemon selbst weist zahlreiche liebevolle Animationen auf, die ihn mal weinend, schadenfroh oder sauer aussehen lassen. Und wenn man ihn eine Zeit lang ignoriert, furzt er einem einfach frech ins Gesicht. Gute Manieren scheint er nicht zu besitzen, ist dafür aber mit allen Wassern gewaschen. Ein Fernsehstar eben, der kein Blatt vor den Mund nimmt. :) Wirklich schade, dass man von der durchgeknallten Story nicht allzu viel mitkriegt. Nicht unerwähnt sollten noch die kleinen Rätseleinlagen bleiben, die zur Auffindung besonders gut versteckter Lippen gelöst werden müssen, sowie die Bosskämpfe, welche alle paar Level auftreten und mit diversen eierähnlichen Kuriositäten wie einem Roboter oder einem Western-Helden aufwarten.

Fazit: Nach ausführlicher Auseinandersetzung entpuppt sich "Hachiemon" als echter Jump´n run-Geheimtipp, der sogar durchaus einem Mario-Spiel das Wasser reichen kann. Der vielleicht etwas zu kurze Umfang stellt das einzige Manko eines einzigartigen, gut durchdachten und witzigen Spieles dar. Als Freund gepflegter Jump´n run-Kost sollte man es sich bei Sichtkontakt unbedingt schnappen!