Auf der Suche nach neuem Futter für meinen Game Boy Advance bin ich
neulich über eine echte japanische Rarität gestolpert, die auf
den Namen "Hachiemon" hört. Hinter diesem seltsam klingenden
Namen verbirgt sich ein waschechtes, jedoch sehr kurioses Jump´n
run, das mit einem total verrückten Charakter aus der Reihe fällt.
Dieser ähnelt einem weißen Ei mit großen Lippen und scheint
auf den ersten Blick recht unspektakulär. Dem ist aber nicht so,
denn diese Figur hat es faustdick hinter den Ohren, auch wenn diese nicht
vorhanden sind. Recherchen im Internet ergeben, dass sie entsprechend
des Spieltitels Hachiemon heißt und das Maskottchen des großen
japanischen Fernsehsenders Kansai Television ist. Aus diesem Grund ist
es nicht verwunderlich, dass sie eine große Klappe hat, muss sie
sich doch in einer hartumkämpften Kommunikationsbranche behaupten.
Und dieses lockere Mundwerk stellt auch Hachiemons primäres Werkzeug
in seinem abgedrehten Videospiel-Abenteuer dar.
Die Vorgeschichte des Spieles wird nicht nur in japanischen Schriftzeichen
sondern auch in lustigen Bildern erzählt, so dass man sich grob
einiges zusammenreimen kann. Hachiemon und seine Eier-Freunde verbringen
gemeinsam einen vergnügten Tag, als plötzlich alle mundtot
gemacht werden. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes, da irgendjemand
ihre Lippen klaut. Ein kurzer Blick in die Umgebung bestätigt die
schlimmsten Befürchtungen, da anscheinend die ganze Welt diesem
dreisten Diebstahl zum Opfer gefallen ist. Aber Stopp, denn ein Individuum
ist dem grauenvollen Anschlag entwischt: Hachiemon! Schnell findet er
heraus, dass eine Bande cooler, bebrillter Eier-Köpfe hinter dieser
globalen Zensur steckt und heftet sich an deren Fersen.
Im Spiel angelangt, wird man mit einem traditionellen 2D-Jump´n
run im liebevollen Bitmap-Gewand konfrontiert, das einen förmlich
in die seligen Super Nintendo-Zeiten zurückversetzt. Obwohl Hachiemon
keine Beine besitzt, kann er problemlos hüpfen, sofern die Hindernisse
nicht allzu groß sind. Ansonsten muss er auf seine Lippen zurückgreifen,
mit denen er sich beinahe überall festklammern kann. Da das Mundwerkzeug
sich noch etwas in die Länge ziehen lässt, kann man sich auf
diese Weise überall hinkatapultieren, hochziehen oder an schwebenden
Plattformen oder betäubten Gegnern entlang hangeln. Die Einsatzmöglichkeiten
für die Lippen sind vielfältig und sind gekonnt im Leveldesign
implementiert worden. Aber unser blasser Freund hat noch mehr auf dem
Kasten, denn die Lippen lassen sich entfernen und einem Bumerang ähnlich
durch die Luft werfen. Mit diesem Angriff kann man die Gegner betäuben,
bei einem zweiten Treffer sogar aus den Latschen hauen oder einfach
nur unerreichbare Gegenstände aufsammeln. Hachiemon isst gerne
und stopft einfach alles in sich hinein, was ihm ab hundert leckeren
Einheiten ein Extra-Leben beschert. Eine weitere und extrem heitere
Möglichkeit, um an Extra-Leben zu gelangen, haben die Programmierer
in Form weiblicher Hachiemon-Damen eingebaut, die man mit seinen Lippen
stillecht abknutschen darf. Und wenn man sich dabei besonders geschickt
anstellt, gebären sie einem auf der Stelle ein 1-Up-Baby! Absolut
abgefahren! ^^ Die nächste besonders mächtige Aktionsmöglichkeit
äußert sich im Rollangriff, der störende Lippen-Blöcke
zerstört, bei hohem Gegneraufkommen jedoch aufgrund des auftretenden
Schwindelgefühls wohlüberlegt eingesetzt werden sollte. Zu
guter Letzt kann Hachiemon noch mit seiner tiefen Bass-Stimme brüllen,
was zur Enttarnung unsichtbarer Items dient. Eine wichtige Funktion,
zumal in jedem Spielabschnitt eine bestimmte Anzahl der geklauten Lippen
beschafft werden muss.
Zu Beginn des Spieles darf aus drei unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden
gewählt werden, die in der Höhe der aufzustöbernden Lippen,
dem Gegneraufkommen und der verfügbaren Zeit variieren. Im normalen
Schwierigkeitsgrad ist das Spiel bereits anspruchsvoll, was am abwechslungsreichen,
aber niemals unfairen Leveldesign liegt, das mit diversen Verkleidungen
wie der eines Pinguins oder eines Samurais jedes Mal aufs Neue überrascht.
Die 22 Spielabschnitte, die auf einer Weltkarte einsehbar sind und jederzeit
wieder betreten werden können, umfassen alle klassischen Gebiete
wie Wälder, Sümpfe, Gebirge, Eis- und Wüstenlandschaften
sowie moderne Städte. Grafisch wunderschön in Szene gesetzt,
bestechen sie mit winzigen und witzigen Details. Wie alle Charaktere
tritt auch jede sonstige Hintergrunddekoration im typischen Hachiemon-Ei-Design
in Erscheinung. Hachiemon selbst weist zahlreiche liebevolle Animationen
auf, die ihn mal weinend, schadenfroh oder sauer aussehen lassen. Und
wenn man ihn eine Zeit lang ignoriert, furzt er einem einfach frech
ins Gesicht. Gute Manieren scheint er nicht zu besitzen, ist dafür
aber mit allen Wassern gewaschen. Ein Fernsehstar eben, der kein Blatt
vor den Mund nimmt. :) Wirklich schade, dass man von der durchgeknallten
Story nicht allzu viel mitkriegt. Nicht unerwähnt sollten noch
die kleinen Rätseleinlagen bleiben, die zur Auffindung besonders
gut versteckter Lippen gelöst werden müssen, sowie die Bosskämpfe,
welche alle paar Level auftreten und mit diversen eierähnlichen
Kuriositäten wie einem Roboter oder einem Western-Helden aufwarten.
Fazit: Nach ausführlicher Auseinandersetzung entpuppt sich "Hachiemon"
als echter Jump´n run-Geheimtipp, der sogar durchaus einem Mario-Spiel
das Wasser reichen kann. Der vielleicht etwas zu kurze Umfang stellt
das einzige Manko eines einzigartigen, gut durchdachten und witzigen
Spieles dar. Als Freund gepflegter Jump´n run-Kost sollte man
es sich bei Sichtkontakt unbedingt schnappen!
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