|
Half-Minute Hero oder das Super-Highspeed-RPG
Ihr liebt Rollenspiele über alles, habt aber keine Zeit mehr sich
mit ihnen ernsthaft auseinanderzusetzen? Dann habe ich diesmal genau
das richtige Spiel für euch: "Half-Minute Hero" für
die PSP aus der japanischen Software-Schmiede Marvelous Entertainment.
Bei diesem Spiel muss die Welt in nur 30 Sekunden gerettet werden. So
viel Zeit wird doch jeder noch so Geplagte übrig haben, oder? Normalerweise
schon, wenn es nur dabei bliebe, denn eine derartige Aufgabe kann nicht
einmal der beste und mutigste Recke bewältigen, wie es rasch in
dem wirklich sehr kurzen Einführungsspiel festgestellt wird. Gerade
frisch zum Helden erkoren, muss man mit Entsetzen feststellen, dass
irgendein durchgeknallter Evil Lord den verbotenen und in Vergessenheit
geratenen Spell of Destruction initiiert, der die Welt in nur sage und
schreibe 30 Sekunden verdammt. Also nimmt man schleunigst seine Beine
in die Hand, nietet paar Monster zwecks Levelaufstiegs um, kauft mit
dem erbeuteten Geld noch schnell ein Holzschwert und rast mit Lichtgeschwindigkeit
zur Burg des Unholds. Durch das Laufen geht einem jedoch fast die gesamte
Lebensenergie flutschen, weshalb man richtig froh ist, in dem einzigen
Item-Slot ein Heilkraut zu finden. In den noch verbliebenen letzten
fünf Sekunden stürzt man sich hoffnungsvoll auf den Bekloppten
und AAARRRGGGHHH… man wird geröstet und an den Ausgangspunkt
zurückversetzt. Währenddessen läuft die Zeit ab und die
Welt geht fröhlich unter…
Somit wäre das Spiel zu Ende und man hätte es hiermit mit
dem kürzesten Rollenspiel aller Zeiten zu tun. Glücklicherweise
ist dies aber nicht der Fall, denn so wäre das Spiel trotz des
Low Budget-Preises von ca. 20€ noch viel zu teuer. Am Ende aller
Hoffnungen erbarmt sich mittels einer netten Zwischensequenz die gutaussehende
und natürlich gute Zeitgöttin unseres armen Helden und schlägt
ihm frei nach dem Leitsatz "Zeit ist Geld" einen Handel vor.
Gegen etwas Kleingeld dreht sie die Zeit um 30 Sekunden zurück,
so dass einem letztendlich mehr Zeit zur Verfügung steht, um sich
für den finalen Boss vorzubereiten. Diese Prozedur darf man sogar
beliebig oft wiederholen, nur mit dem Nachteil, dass sich der zu zahlende
Betrag jedes Mal verdoppelt. Zeit ist eben Geld, oder? Seine zweite
Chance sinnvoll nutzend wird man daraufhin feststellen, dass der übermütige
Bösewicht gar nicht so mächtig ist wie er tut. Ein paar Levelaufstiege
mehr reichen völlig aus, um ihn in die Hölle zu befördern,
was den Spell of Destruction unterbricht. Nach dieser stressigen Angelegenheit
darf man sich endlich entspannt zurücklehnen und den Abspann genießen.
OK, ein Spiel mit einer Länge von bestenfalls zwei Minuten dürfte
ebenfalls keinen vom Hocker reißen. Deshalb darf man allzu bald
mit freudigem Entsetzen feststellen, dass im benachbarten Königreich
erneut der Spell of Destruction zum Einsatz kommt. Ist auch dieser Blödmann
besiegt, schreit schon der nächste lautstark nach dem Weltuntergang.
Die Welt ist eben voller Trottel, die förmlich danach schreien,
vermöbelt zu werden. Und unser Held tut ihnen den Gefallen. Somit
reist man mit einer Karawane auf einer großen Weltkarte durch
Wälder, Höhlen und Wüsten, ständig darum bemüht,
den nächstbesten Möchtegern-Be-Evil-Lord zu stoppen. Die einzelnen
Spielabschnitte werden dabei immer umfangreicher und komplexer. Man
muss sich ständig mit diversen Hindernissen auseinandersetzen,
Fallen umgehen und irgendwelche klassischen Aufgaben lösen. Zahlreiche
Bewohner warten auf Beistand und zahlreiche Monster auf ein saftiges
Heldenmahl. "Half-Minute Hero" fällt, wenn schon minimalistisch,
da man für jeden Spielabschnitt maximal nur ein paar Minuten benötigt,
dann doch sehr abwechslungsreich aus, zumal oft mehrere Lösungswege
angeboten werden. Es lohnt sich auch alle auszuloten, da als Belohnung
die unterschiedlichsten Waffen und Rüstungen winken. Und von diesen
ist man stark abhängig, da man jeden neuen Level auf der ersten
Erfahrungsstufe beginnt. Alle bereits abgeschlossenen Levels dürfen
beliebig oft wiederholt werden, jedoch nur mit der bis dahin gewonnenen
Ausrüstung.
Von der Handhabung her ist das Spiel ebenfalls simpel. Die blitzschnellen
Zufallskämpfe laufen automatisch ab, als Spieler kümmert man
sich schwerpunktmäßig um die logistische Herausforderung,
die sich durch die kurz bemessene Zeit, die zu bewältigende Strecke,
Levelaufstiege sowie die Geldbeschaffung zwecks Einkäufe und Zeitverschiebung
definiert. Das Laufen, das gewaltig an der Lebensenergie unseres Helden
zehrt, muss dabei ständig mit einkalkuliert werden und stellt einen
wichtigen strategischen Aspekt dar. Ansonsten darf man sich noch den
Kopf über die Nutzung des einzigen Item-Slots zerbrechen.
Storytechnisch darf man hier dagegen nicht allzu viel erwarten. Wie
man es sich unschwer zusammenreimen kann, bringt irgendjemand dem erstbesten
ultrabösen Gesellen immer wieder aufs Neue den Spell of Destruction
bei, so dass man letztendlich darum bemüht ist, den Unbekannten
zu identifizieren und zu stellen. Trotzdem überrascht diese simple
Handlung mit einer scheinbar unerschöpflichen Prise schwarzen Humors.
Die Sprüche und Motive der durchgedrehten Bösewichte sind
teilweise derart fragwürdig und skurril, dass man sich oft vor
lauter Lachen auf den Boden schmeißen möchte. Als Beispiel
sei hier ein Steingolem genannt, der ein unschuldiges und friedliches
Dasein als Kieselstein am Wegesrand führte, bis irgendwelche Menschen
auf die grausame Idee kamen, auf ihm herumzutrampeln. Wo gibt es denn
so was? Einfach einen armen Kieselstein so zu foltern? Die Empörung
des Betroffenen über diese schlechte Behandlung entlud sich daraufhin
in dem unstillbaren Verlangen die gesamte Menschheit auszulöschen.
Ja ihr bösen Leser, bitte zollt auf euren zukünftigen Wanderungen
allen Kieselsteinen den ihnen zustehenden Respekt. :) Solch eine kuriose
Federführung lässt nur auf eine Parodie des klassischen Rollenspielgenres
schließen, was sich noch zusätzlich in der grafischen Gestaltung
findet.
"Half-Minute Hero" sieht unheimlich pixelig aus, einem 8-Bit-Rollenspiel
nicht unähnlich. Das Spiel ignoriert damit die technischen Vorzüge
einer PSP, sieht dafür aber verdammt einzigartig und individuell
aus. Dagegen fällt es musikalisch sehr modern aus, mal laut und
schrill mit harten E-Gitarren, mal besinnlich und melodisch. Die Odyssee
durch die ganze Welt nimmt ca. 12 Spielstunden in Anspruch. Damit ist
aber nur der erste Modus mit der Bezeichnung "Hero 30" gemeint
und nicht das ganze Spiel, denn gleich zu Anfang lassen sich auch die
Modi "Evil Lord 30" und "Princess 30" auswählen.
"Evil Lord 30" entpuppt sich als ein simples Echtzeitstrategiespiel,
bei dem man einen nicht ganz so bösen, dafür aber bildhübschen
Bösewicht mit einem bildhübschen Regenschirm und bildhübschem
Schuhwerk auf einen Rachefeldzug gegen ganz böse und gemeine Monster
begleitet, die seine bildhübsche Teeparty in seinem bildhübschen
lilafarbenem Schloss gestört haben. Bildhübsch, oder? Die
Ereignisse finden 100 Jahre nach denen von "Hero 30" statt,
und natürlich ist auch hier die geldgierige Zeitgöttin mit
von der Partie, die bei Bedarf die Zeit manipuliert. Die Zeitbegrenzung
von 30 Sekunden wird hier durch den bevorstehenden Anbruch der Morgendämmerung
definiert, die der zarten, glatten und absolut bildhübschen Haut
unseres Protagonisten stark zusetzen würde. WOW, da fehlen einem
schlicht die Worte. ^^ Spielerisch sieht das Ganze so aus, dass man
drei unterschiedliche, im Dreieckverhältnis zueinander stehende
Monstertypen beschwören kann, die gegen gleich funktionierende
feindliche Horden losgelassen werden. Sobald die bösen Gegner beschäftigt
sind, muss unser Schönling schleunigst das festgelegte Levelziel
erreichen. Dies lässt sich oft innerhalb von fünf oder zehn
Sekunden bewältigen, was den gesamten Spielmodus zu einem mickrigen
Minispiel degradiert. Die Auslöschung aller Feinde wird nur vereinzelt
verlangt. Der gesamte Modus kann somit innerhalb einer einzigen Stunde
beendet werden.
Ziemlich ähnlich verhält es sich weitere 100 Jahre später
mit "Princess 30". Hier übernimmt man die Kontrolle über
eine junge und ganz naive Prinzessin, die extrem gut behütet nie
das Schloss ihrer Eltern verlassen durfte. Als der König plötzlich
von einer seltsamen Krankheit heimgesucht wird und keiner ihm zu helfen
weiß, beschließt sie jeder noch so winzigen Hoffnung nachzugehen
und allen möglichen und obskuren Gerüchten auf den Zahn zu
fühlen. Natürlich zum Ärger ihrer Muter, welche die Schlosspforten
nur 30 Sekunden lang offen lässt. Mit der mächtigen Armbrust
ihres geliebten Vaters ausgerüstet und auf einem Kissen sitzend
von einer Traube ihrer treusten Ritter behütet und getragen, flitzt
man im Eiltempo durch die Landschaft und pustet mit der Waffe alle Hindernisse
aus dem Weg. Diesmal hat man es mit einem rasanten Shoot´em up
zu tun, bei dem die Zeitgöttin ebenfalls nicht fehlen darf. Sie
rollt rote Teppiche in der Landschaft aus, die beim Überqueren
das Zeitkonto erhöhen. Selbstverständlich gegen Geld. Die
Inanspruchnahme dieses Dienstes ist enorm wichtig, weil gegnerische
Treffer die Laufgeschwindigkeit unserer Gefolgschaft stark beeinträchtigen.
Die sehr kurzen Levels stellen für fortgeschrittene Spieler jedoch
keine richtige Herauforderung dar, womit man auch diesen Spielmodus
in ca. einer Stunde beenden kann. Zum Glück, denn ich fand diesen
Modus eher langweilig als unterhaltsam.
Hat man "Hero 30", "Evil Lord 30" und "Princess
30" erfolgreich abgeschlossen, wird ein weiterer Modus mit der
Bezeichnung "Knight 30" freigeschaltet. Weitere 100 Jahre
weiter ist die Zeitgöttin von der Bildfläche verschwunden
und die gesamte Menschheit sieht ihrem Untergang entgegen. Als die gesamte
Streitmacht vernichtend geschlagen wird, taucht plötzlich aus dem
Nichts ein mysteriöser Weiser auf, der dem letzten, im Sterben
liegenden Ritter hilft und ihn mit einer wichtigen Aufgabe betraut.
Fortan dürfen wir den Leibwächter für unseren Lebensretter
spielen, der mit dem Spell of Destruction (!) die bösen Monster
in ihre Schranken weist. Wie wir bereits wissen, braucht er für
die Initiierung des bösen Zaubers 30 Sekunden, in denen er den
Angriffen der gefährlichen Unholde schutzlos ausgeliefert ist.
In zahlreichen ideenreichen Problemkonstellationen steht man seinem
neuen Gebieter zur Seite. Dieser Modus ist recht experimentierfreudig
und im Vergleich zu den beiden vorangegangenen wieder ganz spaßig,
auch wenn er nur zwei bis drei Stunden lang ist.
Nachdem man "Knight 30" beendet hat, wird mit "Hero
300" endlich wieder das heißgeliebte Rollenspielprinzip reaktiviert.
Die Geschichten aller Modi werden auf einen gemeinsamen Nenner gebracht
und man darf sich in gewohnter Art und Weise mit dem Helden aus "Hero
30" der letzten ultimativen Aufgabe widmen. Der Zahl 300 entsprechend,
hat man dafür nur fünf Minuten Zeit, in der ein riesiges Kontinent
voller Aufgaben und Bosse zu bewältigen ist. Auf die Zeitgöttin
muss auch hier wieder verzichtet werden, was diesen Modus zu einer echten
Feuerprobe macht. Auch wenn die Aufgabe in fünf Bereiche, die innerhalb
von 60 Sekunden abgeschlossen werden müssen, unterteilt ist, muss
bei einer Niederlage alles von vorne angegangen werden. Und da der finale
Ultrabösewicht extrem hart ist, wird man hierfür ganz schön
viele Anläufe benötigen. Die Herausforderung macht diesen
Modus jedoch unheimlich spannend und attraktiv. Schafft man ihn, hat
man "Half-Minute Hero" endlich beendet!
Kriegt man von dem Spiel immer noch nicht genug, darf man sich anschließend
noch bei "Hero 3" versuchen. Wie man sich denken kann, ist
die hierfür zur Verfügung stehende Zeit auf schlappe drei
Sekunden beschränkt. Dadurch führt jeder zweite Zufallskampf
direkt zu einem raschen "Game Over". Somit wird hier dem Wort
"Stress" eine ganz neue Dimension abgewonnen, was sicherlich
nicht jedermanns Geschmack treffen dürfte. Alternativ darf man
sich noch auf Rekordjagd begeben oder versuchen die fantastisch gestalteten
Artworks freizuschalten.
Fazit: Solltet ihr eure PSP schon längst vergessen oder verlegt
haben, dann holt sie erneut ans Tageslicht, denn mit "Half-Minute
Hero" kriegt sie das, was sie verdient: ein vorbildliches und innovatives
Stück Software. Auch wenn das Spiel aufgrund der schwächeren,
dafür aber recht kurzen Spielmodi knapp an der Höchstwertung
vorbeisaust und dem technischen Anspruch des Systems nicht gerecht wird,
kann ich es jedem PSP-Spieler blind empfehlen. Auch solchen, die normalerweise
keine Rollenspiele spielen, da wir es hier mit einem ganz unkonventionellen
Vertreter des Genres zu tun haben. Leider ist das Spiel nicht bei uns
in Deutschland erschienen, so dass man zwangsläufig auf einen US-
oder UK-Import angewiesen ist. Die Anschaffung ist aber wirklich jeden
einzelnen Cent wert! In diesem Sinne bleibt nur noch zu hoffen, dass
der bereits in Japan angekündigte Nachfolger ebenfalls den Weg
in den Westen findet.
|