Half-Minute Hero
RPG


Minrod
September 10

 


Half-Minute Hero oder das Super-Highspeed-RPG

Ihr liebt Rollenspiele über alles, habt aber keine Zeit mehr sich mit ihnen ernsthaft auseinanderzusetzen? Dann habe ich diesmal genau das richtige Spiel für euch: "Half-Minute Hero" für die PSP aus der japanischen Software-Schmiede Marvelous Entertainment. Bei diesem Spiel muss die Welt in nur 30 Sekunden gerettet werden. So viel Zeit wird doch jeder noch so Geplagte übrig haben, oder? Normalerweise schon, wenn es nur dabei bliebe, denn eine derartige Aufgabe kann nicht einmal der beste und mutigste Recke bewältigen, wie es rasch in dem wirklich sehr kurzen Einführungsspiel festgestellt wird. Gerade frisch zum Helden erkoren, muss man mit Entsetzen feststellen, dass irgendein durchgeknallter Evil Lord den verbotenen und in Vergessenheit geratenen Spell of Destruction initiiert, der die Welt in nur sage und schreibe 30 Sekunden verdammt. Also nimmt man schleunigst seine Beine in die Hand, nietet paar Monster zwecks Levelaufstiegs um, kauft mit dem erbeuteten Geld noch schnell ein Holzschwert und rast mit Lichtgeschwindigkeit zur Burg des Unholds. Durch das Laufen geht einem jedoch fast die gesamte Lebensenergie flutschen, weshalb man richtig froh ist, in dem einzigen Item-Slot ein Heilkraut zu finden. In den noch verbliebenen letzten fünf Sekunden stürzt man sich hoffnungsvoll auf den Bekloppten und AAARRRGGGHHH… man wird geröstet und an den Ausgangspunkt zurückversetzt. Währenddessen läuft die Zeit ab und die Welt geht fröhlich unter…

Somit wäre das Spiel zu Ende und man hätte es hiermit mit dem kürzesten Rollenspiel aller Zeiten zu tun. Glücklicherweise ist dies aber nicht der Fall, denn so wäre das Spiel trotz des Low Budget-Preises von ca. 20€ noch viel zu teuer. Am Ende aller Hoffnungen erbarmt sich mittels einer netten Zwischensequenz die gutaussehende und natürlich gute Zeitgöttin unseres armen Helden und schlägt ihm frei nach dem Leitsatz "Zeit ist Geld" einen Handel vor. Gegen etwas Kleingeld dreht sie die Zeit um 30 Sekunden zurück, so dass einem letztendlich mehr Zeit zur Verfügung steht, um sich für den finalen Boss vorzubereiten. Diese Prozedur darf man sogar beliebig oft wiederholen, nur mit dem Nachteil, dass sich der zu zahlende Betrag jedes Mal verdoppelt. Zeit ist eben Geld, oder? Seine zweite Chance sinnvoll nutzend wird man daraufhin feststellen, dass der übermütige Bösewicht gar nicht so mächtig ist wie er tut. Ein paar Levelaufstiege mehr reichen völlig aus, um ihn in die Hölle zu befördern, was den Spell of Destruction unterbricht. Nach dieser stressigen Angelegenheit darf man sich endlich entspannt zurücklehnen und den Abspann genießen.

OK, ein Spiel mit einer Länge von bestenfalls zwei Minuten dürfte ebenfalls keinen vom Hocker reißen. Deshalb darf man allzu bald mit freudigem Entsetzen feststellen, dass im benachbarten Königreich erneut der Spell of Destruction zum Einsatz kommt. Ist auch dieser Blödmann besiegt, schreit schon der nächste lautstark nach dem Weltuntergang. Die Welt ist eben voller Trottel, die förmlich danach schreien, vermöbelt zu werden. Und unser Held tut ihnen den Gefallen. Somit reist man mit einer Karawane auf einer großen Weltkarte durch Wälder, Höhlen und Wüsten, ständig darum bemüht, den nächstbesten Möchtegern-Be-Evil-Lord zu stoppen. Die einzelnen Spielabschnitte werden dabei immer umfangreicher und komplexer. Man muss sich ständig mit diversen Hindernissen auseinandersetzen, Fallen umgehen und irgendwelche klassischen Aufgaben lösen. Zahlreiche Bewohner warten auf Beistand und zahlreiche Monster auf ein saftiges Heldenmahl. "Half-Minute Hero" fällt, wenn schon minimalistisch, da man für jeden Spielabschnitt maximal nur ein paar Minuten benötigt, dann doch sehr abwechslungsreich aus, zumal oft mehrere Lösungswege angeboten werden. Es lohnt sich auch alle auszuloten, da als Belohnung die unterschiedlichsten Waffen und Rüstungen winken. Und von diesen ist man stark abhängig, da man jeden neuen Level auf der ersten Erfahrungsstufe beginnt. Alle bereits abgeschlossenen Levels dürfen beliebig oft wiederholt werden, jedoch nur mit der bis dahin gewonnenen Ausrüstung.

Von der Handhabung her ist das Spiel ebenfalls simpel. Die blitzschnellen Zufallskämpfe laufen automatisch ab, als Spieler kümmert man sich schwerpunktmäßig um die logistische Herausforderung, die sich durch die kurz bemessene Zeit, die zu bewältigende Strecke, Levelaufstiege sowie die Geldbeschaffung zwecks Einkäufe und Zeitverschiebung definiert. Das Laufen, das gewaltig an der Lebensenergie unseres Helden zehrt, muss dabei ständig mit einkalkuliert werden und stellt einen wichtigen strategischen Aspekt dar. Ansonsten darf man sich noch den Kopf über die Nutzung des einzigen Item-Slots zerbrechen.

Storytechnisch darf man hier dagegen nicht allzu viel erwarten. Wie man es sich unschwer zusammenreimen kann, bringt irgendjemand dem erstbesten ultrabösen Gesellen immer wieder aufs Neue den Spell of Destruction bei, so dass man letztendlich darum bemüht ist, den Unbekannten zu identifizieren und zu stellen. Trotzdem überrascht diese simple Handlung mit einer scheinbar unerschöpflichen Prise schwarzen Humors. Die Sprüche und Motive der durchgedrehten Bösewichte sind teilweise derart fragwürdig und skurril, dass man sich oft vor lauter Lachen auf den Boden schmeißen möchte. Als Beispiel sei hier ein Steingolem genannt, der ein unschuldiges und friedliches Dasein als Kieselstein am Wegesrand führte, bis irgendwelche Menschen auf die grausame Idee kamen, auf ihm herumzutrampeln. Wo gibt es denn so was? Einfach einen armen Kieselstein so zu foltern? Die Empörung des Betroffenen über diese schlechte Behandlung entlud sich daraufhin in dem unstillbaren Verlangen die gesamte Menschheit auszulöschen. Ja ihr bösen Leser, bitte zollt auf euren zukünftigen Wanderungen allen Kieselsteinen den ihnen zustehenden Respekt. :) Solch eine kuriose Federführung lässt nur auf eine Parodie des klassischen Rollenspielgenres schließen, was sich noch zusätzlich in der grafischen Gestaltung findet.

"Half-Minute Hero" sieht unheimlich pixelig aus, einem 8-Bit-Rollenspiel nicht unähnlich. Das Spiel ignoriert damit die technischen Vorzüge einer PSP, sieht dafür aber verdammt einzigartig und individuell aus. Dagegen fällt es musikalisch sehr modern aus, mal laut und schrill mit harten E-Gitarren, mal besinnlich und melodisch. Die Odyssee durch die ganze Welt nimmt ca. 12 Spielstunden in Anspruch. Damit ist aber nur der erste Modus mit der Bezeichnung "Hero 30" gemeint und nicht das ganze Spiel, denn gleich zu Anfang lassen sich auch die Modi "Evil Lord 30" und "Princess 30" auswählen.

"Evil Lord 30" entpuppt sich als ein simples Echtzeitstrategiespiel, bei dem man einen nicht ganz so bösen, dafür aber bildhübschen Bösewicht mit einem bildhübschen Regenschirm und bildhübschem Schuhwerk auf einen Rachefeldzug gegen ganz böse und gemeine Monster begleitet, die seine bildhübsche Teeparty in seinem bildhübschen lilafarbenem Schloss gestört haben. Bildhübsch, oder? Die Ereignisse finden 100 Jahre nach denen von "Hero 30" statt, und natürlich ist auch hier die geldgierige Zeitgöttin mit von der Partie, die bei Bedarf die Zeit manipuliert. Die Zeitbegrenzung von 30 Sekunden wird hier durch den bevorstehenden Anbruch der Morgendämmerung definiert, die der zarten, glatten und absolut bildhübschen Haut unseres Protagonisten stark zusetzen würde. WOW, da fehlen einem schlicht die Worte. ^^ Spielerisch sieht das Ganze so aus, dass man drei unterschiedliche, im Dreieckverhältnis zueinander stehende Monstertypen beschwören kann, die gegen gleich funktionierende feindliche Horden losgelassen werden. Sobald die bösen Gegner beschäftigt sind, muss unser Schönling schleunigst das festgelegte Levelziel erreichen. Dies lässt sich oft innerhalb von fünf oder zehn Sekunden bewältigen, was den gesamten Spielmodus zu einem mickrigen Minispiel degradiert. Die Auslöschung aller Feinde wird nur vereinzelt verlangt. Der gesamte Modus kann somit innerhalb einer einzigen Stunde beendet werden.

Ziemlich ähnlich verhält es sich weitere 100 Jahre später mit "Princess 30". Hier übernimmt man die Kontrolle über eine junge und ganz naive Prinzessin, die extrem gut behütet nie das Schloss ihrer Eltern verlassen durfte. Als der König plötzlich von einer seltsamen Krankheit heimgesucht wird und keiner ihm zu helfen weiß, beschließt sie jeder noch so winzigen Hoffnung nachzugehen und allen möglichen und obskuren Gerüchten auf den Zahn zu fühlen. Natürlich zum Ärger ihrer Muter, welche die Schlosspforten nur 30 Sekunden lang offen lässt. Mit der mächtigen Armbrust ihres geliebten Vaters ausgerüstet und auf einem Kissen sitzend von einer Traube ihrer treusten Ritter behütet und getragen, flitzt man im Eiltempo durch die Landschaft und pustet mit der Waffe alle Hindernisse aus dem Weg. Diesmal hat man es mit einem rasanten Shoot´em up zu tun, bei dem die Zeitgöttin ebenfalls nicht fehlen darf. Sie rollt rote Teppiche in der Landschaft aus, die beim Überqueren das Zeitkonto erhöhen. Selbstverständlich gegen Geld. Die Inanspruchnahme dieses Dienstes ist enorm wichtig, weil gegnerische Treffer die Laufgeschwindigkeit unserer Gefolgschaft stark beeinträchtigen. Die sehr kurzen Levels stellen für fortgeschrittene Spieler jedoch keine richtige Herauforderung dar, womit man auch diesen Spielmodus in ca. einer Stunde beenden kann. Zum Glück, denn ich fand diesen Modus eher langweilig als unterhaltsam.

Hat man "Hero 30", "Evil Lord 30" und "Princess 30" erfolgreich abgeschlossen, wird ein weiterer Modus mit der Bezeichnung "Knight 30" freigeschaltet. Weitere 100 Jahre weiter ist die Zeitgöttin von der Bildfläche verschwunden und die gesamte Menschheit sieht ihrem Untergang entgegen. Als die gesamte Streitmacht vernichtend geschlagen wird, taucht plötzlich aus dem Nichts ein mysteriöser Weiser auf, der dem letzten, im Sterben liegenden Ritter hilft und ihn mit einer wichtigen Aufgabe betraut. Fortan dürfen wir den Leibwächter für unseren Lebensretter spielen, der mit dem Spell of Destruction (!) die bösen Monster in ihre Schranken weist. Wie wir bereits wissen, braucht er für die Initiierung des bösen Zaubers 30 Sekunden, in denen er den Angriffen der gefährlichen Unholde schutzlos ausgeliefert ist. In zahlreichen ideenreichen Problemkonstellationen steht man seinem neuen Gebieter zur Seite. Dieser Modus ist recht experimentierfreudig und im Vergleich zu den beiden vorangegangenen wieder ganz spaßig, auch wenn er nur zwei bis drei Stunden lang ist.

Nachdem man "Knight 30" beendet hat, wird mit "Hero 300" endlich wieder das heißgeliebte Rollenspielprinzip reaktiviert. Die Geschichten aller Modi werden auf einen gemeinsamen Nenner gebracht und man darf sich in gewohnter Art und Weise mit dem Helden aus "Hero 30" der letzten ultimativen Aufgabe widmen. Der Zahl 300 entsprechend, hat man dafür nur fünf Minuten Zeit, in der ein riesiges Kontinent voller Aufgaben und Bosse zu bewältigen ist. Auf die Zeitgöttin muss auch hier wieder verzichtet werden, was diesen Modus zu einer echten Feuerprobe macht. Auch wenn die Aufgabe in fünf Bereiche, die innerhalb von 60 Sekunden abgeschlossen werden müssen, unterteilt ist, muss bei einer Niederlage alles von vorne angegangen werden. Und da der finale Ultrabösewicht extrem hart ist, wird man hierfür ganz schön viele Anläufe benötigen. Die Herausforderung macht diesen Modus jedoch unheimlich spannend und attraktiv. Schafft man ihn, hat man "Half-Minute Hero" endlich beendet!

Kriegt man von dem Spiel immer noch nicht genug, darf man sich anschließend noch bei "Hero 3" versuchen. Wie man sich denken kann, ist die hierfür zur Verfügung stehende Zeit auf schlappe drei Sekunden beschränkt. Dadurch führt jeder zweite Zufallskampf direkt zu einem raschen "Game Over". Somit wird hier dem Wort "Stress" eine ganz neue Dimension abgewonnen, was sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffen dürfte. Alternativ darf man sich noch auf Rekordjagd begeben oder versuchen die fantastisch gestalteten Artworks freizuschalten.

Fazit: Solltet ihr eure PSP schon längst vergessen oder verlegt haben, dann holt sie erneut ans Tageslicht, denn mit "Half-Minute Hero" kriegt sie das, was sie verdient: ein vorbildliches und innovatives Stück Software. Auch wenn das Spiel aufgrund der schwächeren, dafür aber recht kurzen Spielmodi knapp an der Höchstwertung vorbeisaust und dem technischen Anspruch des Systems nicht gerecht wird, kann ich es jedem PSP-Spieler blind empfehlen. Auch solchen, die normalerweise keine Rollenspiele spielen, da wir es hier mit einem ganz unkonventionellen Vertreter des Genres zu tun haben. Leider ist das Spiel nicht bei uns in Deutschland erschienen, so dass man zwangsläufig auf einen US- oder UK-Import angewiesen ist. Die Anschaffung ist aber wirklich jeden einzelnen Cent wert! In diesem Sinne bleibt nur noch zu hoffen, dass der bereits in Japan angekündigte Nachfolger ebenfalls den Weg in den Westen findet.