Knight Quest
RPG

Patricia
Oktober 10
 

Auf der Suche nach interessanten Rollenspielen für den guten alten schwarz-weißen Game Boy bin ich zufällig über "Knight Quest" gestolpert. Sowohl der Name als auch das Cover, auf dem ein tapferer Ritter einem blutrünstigen Drachen gegenüber steht, versprachen spannende Abenteuer. Deshalb war ich richtig gespannt, was sich wirklich dahinter versteckt.

Wir schlüpfen in die Rolle des jungen Will, dessen sehnlichster Wunsch es ist, ein Ritter zu werden. Der König ist damit einverstanden und stellt uns einige Aufgaben, um unseren Mut unter Beweis zu stellen. Insgesamt müssen vier Herausforderungen bewältigt werden, die allesamt in der Nähe des Schlosses angesiedelt sind. Der Ablauf ist dabei immer gleich. Wir holen uns vom Herrscher die nötigen Infos und kämpfen uns durch einen Dungeon, an dessen Ende der Boss zum entscheidenden Kampf gestellt wird. Zwischendurch wird aufgelevelt und in den umliegenden Dörfern eingekauft. Etwas Eigenwilligkeit beweist das Spiel erst beim Kampfsystem. Die Oberwelt und die Dungeons werden aus der Vogelperspektive gezeigt und die Gegner sind stets sichtbar. Darum war ich mir zunächst ganz sicher, dass das Gameplay sich an der Zelda-Reihe orientieren würde. Doch kaum hatte ich ein Monster berührt, schaltete das Spiel in die Seitenansicht und rief ein rundenbasiertes Menü auf, bei dem uns vier verschiedene Schwertangriffe zur Verfügung stehen. Die Anfälligkeit der Monster gegenüber eine der vier Attacken muss zunächst durch stures Ausprobieren herausgefunden werden. Die Tatsache, dass die Schwächen innerhalb der unterschiedlichen Monsterfamilien stets gleich bleiben, ist dabei hilfreich. So sind "Terrorfly" und "Giantfly" gleichermaßen gegen "Eagle" chancenlos. Spätestens im dritten Dungeon, in dem fast nur noch diverse Varianten bekannter Gegner vorkommen, ist die richtige Auswahl leicht zu treffen. Mit dem Menüpunkt "Medi" bringt man die hart verdienten Heilpotions bzw. Herzen zum Einsatz. Wer Geld sparen möchte, geht natürlich zur nächsten Gaststätte. Auch Magie kann für den einmaligen Gebrauch gekauft werden. Da alle Kontrahenten jedoch bei einem der vier Schwertstreiche nachgeben, kann man darauf komplett verzichten. Hier wurde eindeutig Potenzial verschenkt, denn mit ein paar nützlichen Zaubersprüchen hätte man dem Spiel mehr Pep verleihen können.

Bis jetzt hört sich alles eher bescheiden an. Was mir an "Knight Quest" jedoch wirklich gut gefallen hat, das ist die Präsentation. Die Sprites sind groß, die Hintergründe im Kampfmodus richtig hübsch und die Schwertangriffe sowie Monsterattacken individuell animiert. Zwar sind NPC´s nur in Form von Standbildern in ihren Häusern anzutreffen, aber auch sie sind nicht starr sondern bewegen zumindest ihre Augen und Hände. Die optische Vielfalt der Monster ist dagegen nur zufriedenstellend. Bisweilen wurden einfach nur die Namen für eine stärkere Form ausgetauscht, ohne dass sich die Bilder ändern. Dies wirkt billig, passiert aber zum Glück nur gelegentlich. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, oder habt ihr schon mal gegen einen "Funky Orc" gekämpft? Die vier Dungeons sind abwechslungsreich und umfassen eine Tropfsteinhöhle, ein verwunschenes Anwesen, einen verwinkelten Wald sowie zuletzt das obligatorische dunkle Schloss. Die Hintergründe wirken detailreicher als in der etwas kargen Oberwelt. Der Strand sowie der Friedhof beim Anwesen sind meine Favoriten.

Der Umfang ist mit den vier Bereichen jedoch recht kurz. Wills Abenteuer ist bereits in wenigen Stunden zu Ende. Erfreulicherweise wurde die Spielzeit nicht durch einen erhöhten Schwierigkeitsgrad künstlich gestreckt, auch wenn Aufleveln manchmal notwendig ist. Es artet aber nicht in stundenlangem Schnetzeln aus , wie es oft bei anderen alten Schinken der Fall ist. Eine Speicherbatterie gibt es nicht, dafür spendiert uns der König bei jedem Besuch ein Passwort. Die Musik bleibt zwar nicht im Ohr hängen, untermalt aber stets passend.

Fazit: Nüchtern betrachtet ist "Knight Quest" viel zu kurz und monoton. Trotzdem hat das Spiel einen gewissen Charme und punktet mit schönen Animationen sowie dem einzigartigen Kampfsystem. Mit etwas mehr Sorgfalt wäre daraus sicherlich ein gutes Rollenspiel geworden. Somit kann ich keine wirkliche Empfehlung aussprechen, Game Boy-Puristen, die eine kurzweilige Unterhaltung suchen, können damit aber durchaus glücklich werden.

Noch ein Wort zum Cover! Entgegen meinen Erwartungen ist keiner der Endgegner ein Drache. Im Gegenteil, die geflügelte Echse hilft uns sogar. Dieses Missverständnis klärte sich auf, als ich mir das japanische Originalcover anschaute. Dort ist nämlich ein junger Knabe im Manga-Stil vor einem Schloss, auf dessen Zinnen ein Drache hockt, zu sehen. Um einen Kulturschock zu vermeiden, wurden früher in Amerika die meisten japanischen Titelbilder durch neue, westlich angepasste ausgetauscht. Doch die Zeichner haben sich wohl nie mit den Spielen auseinandergesetzt sondern die Vorlagen nach eigenen Vorstellungen interpretiert. Oft falsch, wie es "Knight Quest" eindeutig beweist. Und diese Anekdote ist schon fast genauso interessant wie Wills Reise durch das Königreich. :)