Kung Fu, The / China Warrior
Beat´em up

Lyrion
Juli 10
 

Eines der ersten PC-Engine-Spiele, die ich irgendwann zu Gesicht bekam, war "The Kung Fu" von NEC. Als das Spiel neu war, sorgte es mit den großen, für die damalige Zeit gut gezeichneten und animierten Spielfiguren für mächtig geweitete Augen unter den Spielern, da man so etwas bis dato noch nicht auf der kleinen Konsole erblickt hatte. Und da ich bis dahin fast ausschließlich C-64-Grafiken zu sehen bekam, waren meine Augen an diesem Tag noch um einiges geweiteter. =) Als waschechter Kung Fu-Fan war ich von "The Kung Fu" sofort fasziniert, zumal der Hauptcharakter des Spieles namens Wang der Kung Fu-Legende Bruce Lee zum Verwechseln ähnlich sieht. Und auch die Gegner lassen zum Teil eine frappierende Ähnlichkeit mit anderen Ikonen des östlichen Kung Fu-Kinos erkennen. So sieht einer der Charaktere fast wie Jackie Chan in einer seiner früheren Rollen aus, und auch der Drunken Master, welcher hier als letzter und schwierigster Gegner fungiert, scheint aus dem Klassiker "Sie nannten ihn Knochenbrecher" zu stammen. Doch der ansehnlichen Optik steht eine ziemlich schwache Spielbarkeit gegenüber, zumindest wenn man das Spiel aus der heutigen Sicht der Dinge betrachtet. Aber selbst schon beim Release war das Gameplay von "The Kung Fu" nicht wirklich die wahre Offenbarung. Da ich aber "The Kung Fu" damals nicht sofort selber testen konnte, ist es lange Zeit als ein guter Titel in meiner Erinnerung verblieben. Als ich es nach einer langen Wartezeit endlich in die Finger bekam, musste ich leider feststellen, dass beim Spielen meine Finger anfingen irgendwie zu verkrampfen.

"The Kung Fu" bzw. "China Warrior", wie die zwei Jahre später veröffentlichte Version für das amerikanische TurboGrafx-System betitelt wurde, besteht aus vier Stages, welche noch in jeweils drei Spielabschnitte unterteilt sind, so dass man sich hier insgesamt zwölf Kontrahenten zum Zweikampf stellen muss. Bevor man aber auf die einzelnen Gegner trifft, muss erst noch eine bestimmte Wegstrecke zu ihnen zurückgelegt werden. Diese selbstständig nach rechts scrollenden Abschnitte, in denen man sich unter anderem gegen fliegende Feuerbälle, Steine, Äste, Messer, Fächer, Pfeile, Fledermäuse, kriechende Schlangen, rollende Felsen sowie seltsam ausschauende Mönche behaupten muss, bilden den spannendsten und unterhaltsamsten Teil des Spieles. Ob man die anstürmenden Hindernisse mit seinen Kung Fu-Fähigkeiten zerschmettert oder ihnen lieber ausweicht, bleibt dem Spieler überlassen. Ich würde jedoch empfehlen, so viel wie möglich kleinzuhauen, da einige Gegenstände unserem Kämpfer zusätzliche Lebenspunkte bescheren, die mit zwei Leisten, erst mit silbernen und später mit goldfarbenen Balken, dargestellt werden. Ein dickeres Lebenspunktekonto erhöht natürlich die Chancen auf einen Sieg im anschließenden Kampf. Die Zweikämpfe an sich, die Hauptakte des Spiels, gestalten sich etwas schwierig und können schnell zu einem wilden Button Smashing ausarten. Auch wenn man am Anfang noch den Drang verspürt, den Gegnern zeigen zu wollen wie erstklassiges Kung Fu auszusehen hat, wird man bereits sehr bald merken, dass die meisten der Kung Fu-Techniken aus dem so schon sehr begrenzten Repertoire unserer athletischen Spielfigur bei den Gegnern nicht wirklich funktionieren. Gesprungene Tritte, ob seitlich oder nach oben ausgeführt, kann man getrost vergessen. Sie eignen sich wirklich nur für die gefährlichen Spaziergänge. Der schnelle seitliche Tritt aus dem Stand ist schon etwas brauchbarer, die Trefferquote ist aber irgendwie zu gering. Somit bleiben nur noch die Fäuste übrig, die man aus dem Stand und der Hocke für sich sprechen lassen kann. Zu diesen sage und schreibe ganzen fünf Techniken gesellt sich noch in Verbindung mit der Richtungstaste ein Spezialfaustschlag zum Kopf oder zum Oberkörper. Leider gelingt dieser starke Schlag nicht immer. Hierbei habe ich vielmehr das Gefühl, dass es wirklich reine Glückssache ist, ob dieser Spezialschlag ausgeführt wird oder nicht. Er ist aber essentiell, gerade bei den späteren und vor allem beim allerletzten Gegner, welcher sich mit seinem Gesöff regelmäßig heilt. So wird man spätestens ab dem dritten Gegner nur noch auf den Faust-Button mit seinem Daumen draufdonnern, in der Hoffnung den Spezialschlag auszulösen, der beim Kontrahenten gleich mehrere Lebenspunkte auf einmal killt. Alternativ hofft man auch auf mehrere hintereinander sitzende einfache Schläge. Dies ist auch die einzige brauchbare Taktik, denn alles andere führt meiner Erfahrung nach nur selten zu Erfolg. Das Spielgeschehen bleibt demnach ziemlich unberechenbar. Die Extra-Leben, die man regelmäßig für Punkte bekommt, helfen nicht wirklich weiter, da man nach jedem Ableben den kompletten Abschnitt von vorne in Angriff nehmen muss. Eine fehlende Continue- oder Passwort-Funktion macht das ganze Unterfangen zudem noch um einiges aussichtsloser.

Auch wenn die Spielmechanik eindeutig an Taitos "Gladiator" angelehnt ist und stark zu wünschen übrig lässt (man hat praktisch nichts zur eigenen Verteidigung, der eine Armblock, der bei richtigem Timing ausgelöst wird, stellt nämlich eine zwiespältige Angelegenheit dar), so ist die technische Präsentation des Spieles noch annehmbar. Die großen Spielfiguren sind, wie bereits angedeutet, schön anzusehen und bewegen sich ohne Geflacker oder ähnliches auf dem Bildschirm. Bei der etwas groben, abgehackt wirkenden Animation muss man aber wieder den Rotstift zücken, denn sie ist dafür verantwortlich, dass man im Eifer des Kampfes die schnellen Schläge und Tritte der Gegner meistens gar nicht richtig kommen sehen kann, so dass man notgedrungen auf die Methode des Button Smashing zurückgreifen muss, wenn man doch unbedingt weiterkommen möchte. Wirklich viel zu sehen gibt es bei "The Kung Fu" aber nicht. Alle vier Hintergrundgrafiken sind relativ langweilig, und die zwölf Gegner werden unter grafischen Gesichtspunkten auf eine Anzahl von fünf, den Klon der eigenen Spielfigur miteingeschlossen, reduziert, da auch bei diesem Spiel das Prinzip der permanenten Wiederverwertung der Grafiken mit unterschiedlichen Farbvariationen angewandt wurde. So kämpft man direkt im ersten Level eigentlich gleich dreimal gegen ein und denselben Gegner, nur dass dieser immer etwas schwieriger und schneller wird. Dies ist irgendwie eine linke Nummer, die die Motivation ganz und gar nicht fördert. Und auch die eine, ziemlich unspektakuläre Bonus-Runde zwischen den Stages, bei der man mit einem Nunchaku eine große Vase mit möglichst maximaler Power zerschlagen muss, entspricht eher einer faulen Schokoladenfüllung. Auf den ersten Blick sieht das Spiel relativ gut aus, nach einer längeren und intensiveren Auseinandersetzung möchte man es aber am liebsten mit Lichtgeschwindigkeit gegen die Wand knallen lassen. Die nette Musik kann da leider auch nichts mehr retten. Weil ich das Spiel so lange in schöner Erinnerung behalten durfte, gibt es auf meiner Wertungsskala noch vier Punkte.

Falls jemand meinen Worten nicht glauben schenkt oder dennoch neugierig auf dieses Spiel geworden sein sollte, dem sei die aktuellste Download-Veröffentlichung über die Wii Virtual Console ans Herz gelegt. Es sollten sich aber wirklich nur beinharte Beat´em up- und/oder PC-Engine-Fans angesprochen fühlen. Und von keinem möchte ich dann hören, er sei nicht gewarnt worden!