Im Jahre 1987 erschien auf dem Atari ST ein Rollenspiel namens "Dungeon
Master", das wie eine Bombe einschlug. War man bis dato standardmäßig
an rundenbasierte Zufallskämpfe gewöhnt, agierten und bewegten
sich die Monster in den in Ego-Perspektive gezeigten Dungeons in Echtzeit,
was zu einer richtigen Sensation führte. Deshalb übte das Spiel
einen massiven Einfluss auf die nachfolgende Computerrollenspielgeneration
aus und prägte viele Genrekonventionen entscheidend, insbesondere
in der ersten Hälfte der 90´er Jahre. Einer, der am maßgeblichsten
von "Dungeon Master" geprägten Titel, war die Dungeons
& Dragons-Adaption "Eye of the Beholder", die 1990 im Auftrag
von SSI von Westwood Studios entwickelt wurde. Nach einer Fortsetzung
endete jedoch die Zusammenarbeit der beiden Partner, so dass Westwood
sich an einer eigenen Rollenspielreihe versuchte, was uns nach langem
Ausholen zum Gegenstand dieses Reviews bringt: "Lands of Lore - The
Throne of Chaos", ist der erste Teil der Reihe und noch stark an
"Dungeon Master" und "Eye of the Beholder" angelehnt.
Kommen wir zur Geschichte. Diese spielt in einer Fantasy-Welt, die
nur als die "Lands" bezeichnet wird. Zum Zeitpunkt des Spieles
stehen die Länder unter akuter Bedrohung durch die "Dunkle
Armee", angeführt von der bösen Hexe Scotia. Als sie
auch noch die "Niedere Maske" findet, die sie zur Verwandlung
in beliebige andere Lebensformen befähigt, wird die Lage extrem
prekär. Dies nötigt König Richard LeGrey, Herrscher von
Burg Gladstone und Anführer der "Weißen Armee",
schließlich dazu, nach einem Helden zu rufen, der bei der Vernichtung
Scotias helfen soll und in dessen Rolle man als Spieler schlüpft.
Anders als bei den meisten westlichen Rollenspielen generiert man den
besagten Helden jedoch nicht selbst, sondern muss zu Beginn nur eine
Auswahl aus vier vorgefertigten Charakteren mit erwartungsgemäß
unterschiedlichen Stärken und Schwächen treffen. Am Anfang
zieht man noch alleine durch die Länder, im Laufe der Handlung
schließen sich unserem Helden aber weitere Charaktere an, so dass
die Party auf insgesamt drei Mitglieder aufgestockt wird. Gespielt wird,
wie bereits erwähnt, aus der Ego-Perspektive. Im Gegensatz zum
damals schon erschienen "Ultima Underworld" ist die Umgebung
allerdings noch in quadratische Felder unterteilt, durch die man sich
nicht völlig frei sondern nur schrittweise bewegen darf und die
sich in 90-Grad-Winkeln drehen. Damit die Fortbewegung nicht so ruckartig
wirkt, gibt es jedoch einen glatten Übergangseffekt. Die gesamte
grafische Qualität des Spiels ist einfach hervorragend. Jedes kleine
Detail sieht prächtig aus, und nirgendwo wurde mit Animationen
gespart. Sichtlich viel Mühe hat sich Westwood bei der Darstellung
der Monster gegeben, deren fließende Animationen die Spielwelt
richtig lebendig erscheinen lassen. Aber auch Kleinigkeiten wie zum
Beispiel die Aufnahme des Kompasses oder des Zauberbuches werden gekonnt
mit passenden Effekten untermalt. Dafür, dass das Spiel noch auf
Disketten ausgeliefert wurde, ist dies schier unglaublich!
Genauso schick wie die Grafik kommt die Akustik daher. Jedes Areal
verwöhnt den Spieler mit einem eigenen Musikstück, das auch
atmosphärisch passt. Die vielseitigen Soundeffekte reichen vom
Knurren der Helden, wenn sie einen Treffer einstecken, über quietschende
Türen bis hin zum ätherischen Wabern beim Wirken von Zaubern.
Bei der Bedienung und dem Rollenspielsystem an sich wurde viel Wert
auf Benutzerfreundlichkeit gelegt. So gibt es neben der Charaktererschaffung
auch keine Professionen, sondern nur drei allgemeine Fähigkeiten,
die die Bereiche Kampf, Diebstahl und Magie abdecken und durch steten
Einsatz verbessert werden. Klauen kann man allerdings regulär nichts,
da Diebstahl nur zum Schlösserknacken und Fernkampf dient. Nicht
getragene Gegenstände werden in einem zentralen Inventar gesammelt.
Für die Kampfführung besitzt jeder Charakter zwei Schaltflächen,
eine für die Benutzung der ausgerüsteten Waffe, die andere
zum Wirken eines gewählten Zaubers in der gewünschten Stärke.
Lebensenergie und Magiepunkte regenerieren sich, von Heilsalben/-zaubern
sowie Monstern, die die Party wecken, abgesehen, einfach durch Schlaf,
oder selbständig mit der Zeit, was jedoch langwierig ist. Richtigen
Komfort bietet die Automapping-Funktion. Es wird nicht nur einfach eine
Karte mitgezeichnet, sondern auch automatisch alles Relevante eingetragen,
von Orten über Schalter, aktivierbaren Bodenplatten bis hin zu
Geheimdurchgängen. Die Interaktion mit der Umgebung wird genauso
wie der Umgang mit Gegenständen durch simples Klicken geregelt.
Insgesamt spielt sich "Lands of Lore - The Throne of Chaos"
einfach super. Dank der durchdachten Benutzerführung geht alles
leicht von der Hand, lediglich für Kämpfe wünscht man
sich einen "All Attack"-Knopf wie im zeitgleich erschienenen,
nicht mehr von Westwood produzierten "Eye of the Beholder 3",
da es manchmal arg "klicklastig" wird. Das Spiel ist enorm
motivierend, alleine schon das Vorhaben, schnell ein paar Bildschirmfotos
zu machen, endete darin, dass ich es wieder zur Hälfte durchgespielt
habe. Die gelungene Handlung hält einen bei der Stange und leitet
gut zu den jeweils neuen Schauplätzen über. Da die Areale
nach einem übersichtlichen Beginn im Laufe des Spiels größer
werden und man nicht mehr alle Sachen in festgelegter Reihenfolge erledigt,
fühlt man sich aber niemals eingeengt. Die Schauplätze bieten
eine gute Mischung aus Dungeons, Außenbereichen und Gebäuden,
so dass auch hier keine Ermüdungserscheinungen auftreten. Das Design
der Dungeons ist überaus gelungen, da viele kleine Rätsel
einen beschäftigt halten. Es ist also kein reines Monster-Tötungs-Szenario.
Dank der Automapping-Funktion bleibt man an keiner Stelle ellenlang
hängen, weil man irgendeinen versteckten Schalter oder den Weg
zum nächsten unbesuchten Areal nicht findet. Lediglich im allerletzten
Abschnitt gibt es einige nervtötende und zeitraubende Fallen. Ansonsten
lässt sich wenig kritisieren, außer der schon 1993 leicht
angestaubten Einteilung der Umgebung sowie der an Felder gekoppelten
Bewegung. Der Umbruch zur stufenlosen Bewegung fing aber gerade erst
an. Je nach Geschmack, kann sich der eine oder andere noch an dem recht
niedrig angesetzten Schwierigkeitsgrad stören. Wer Wert auf ein
deutlich komplexeres Rollenspielsystem und fordernden Schwierigkeitsgrad
legt, ist dann doch besser bei der Wizardry-Serie aufgehoben.
Fazit: Sollten bei den Dungeons & Dragons-Umsetzungen von Westwood
noch irgendwelche Zweifel bestanden haben, so haben die Schöpfer
es spätestens mit diesen Spiel bewiesen, dass sie ihr Handwerk
bestens verstanden haben. "Lands of Lore - The Throne of Chaos"
ist ein echter Klassiker, den zu spielen ich jedem interessierten Rollenspiel-Fan
nur ans Herz legen kann.
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