Lands of Lore - The Throne of Chaos
RPG

Riemann80
Juni 11
 

Im Jahre 1987 erschien auf dem Atari ST ein Rollenspiel namens "Dungeon Master", das wie eine Bombe einschlug. War man bis dato standardmäßig an rundenbasierte Zufallskämpfe gewöhnt, agierten und bewegten sich die Monster in den in Ego-Perspektive gezeigten Dungeons in Echtzeit, was zu einer richtigen Sensation führte. Deshalb übte das Spiel einen massiven Einfluss auf die nachfolgende Computerrollenspielgeneration aus und prägte viele Genrekonventionen entscheidend, insbesondere in der ersten Hälfte der 90´er Jahre. Einer, der am maßgeblichsten von "Dungeon Master" geprägten Titel, war die Dungeons & Dragons-Adaption "Eye of the Beholder", die 1990 im Auftrag von SSI von Westwood Studios entwickelt wurde. Nach einer Fortsetzung endete jedoch die Zusammenarbeit der beiden Partner, so dass Westwood sich an einer eigenen Rollenspielreihe versuchte, was uns nach langem Ausholen zum Gegenstand dieses Reviews bringt: "Lands of Lore - The Throne of Chaos", ist der erste Teil der Reihe und noch stark an "Dungeon Master" und "Eye of the Beholder" angelehnt.

Kommen wir zur Geschichte. Diese spielt in einer Fantasy-Welt, die nur als die "Lands" bezeichnet wird. Zum Zeitpunkt des Spieles stehen die Länder unter akuter Bedrohung durch die "Dunkle Armee", angeführt von der bösen Hexe Scotia. Als sie auch noch die "Niedere Maske" findet, die sie zur Verwandlung in beliebige andere Lebensformen befähigt, wird die Lage extrem prekär. Dies nötigt König Richard LeGrey, Herrscher von Burg Gladstone und Anführer der "Weißen Armee", schließlich dazu, nach einem Helden zu rufen, der bei der Vernichtung Scotias helfen soll und in dessen Rolle man als Spieler schlüpft.

Anders als bei den meisten westlichen Rollenspielen generiert man den besagten Helden jedoch nicht selbst, sondern muss zu Beginn nur eine Auswahl aus vier vorgefertigten Charakteren mit erwartungsgemäß unterschiedlichen Stärken und Schwächen treffen. Am Anfang zieht man noch alleine durch die Länder, im Laufe der Handlung schließen sich unserem Helden aber weitere Charaktere an, so dass die Party auf insgesamt drei Mitglieder aufgestockt wird. Gespielt wird, wie bereits erwähnt, aus der Ego-Perspektive. Im Gegensatz zum damals schon erschienen "Ultima Underworld" ist die Umgebung allerdings noch in quadratische Felder unterteilt, durch die man sich nicht völlig frei sondern nur schrittweise bewegen darf und die sich in 90-Grad-Winkeln drehen. Damit die Fortbewegung nicht so ruckartig wirkt, gibt es jedoch einen glatten Übergangseffekt. Die gesamte grafische Qualität des Spiels ist einfach hervorragend. Jedes kleine Detail sieht prächtig aus, und nirgendwo wurde mit Animationen gespart. Sichtlich viel Mühe hat sich Westwood bei der Darstellung der Monster gegeben, deren fließende Animationen die Spielwelt richtig lebendig erscheinen lassen. Aber auch Kleinigkeiten wie zum Beispiel die Aufnahme des Kompasses oder des Zauberbuches werden gekonnt mit passenden Effekten untermalt. Dafür, dass das Spiel noch auf Disketten ausgeliefert wurde, ist dies schier unglaublich!

Genauso schick wie die Grafik kommt die Akustik daher. Jedes Areal verwöhnt den Spieler mit einem eigenen Musikstück, das auch atmosphärisch passt. Die vielseitigen Soundeffekte reichen vom Knurren der Helden, wenn sie einen Treffer einstecken, über quietschende Türen bis hin zum ätherischen Wabern beim Wirken von Zaubern.

Bei der Bedienung und dem Rollenspielsystem an sich wurde viel Wert auf Benutzerfreundlichkeit gelegt. So gibt es neben der Charaktererschaffung auch keine Professionen, sondern nur drei allgemeine Fähigkeiten, die die Bereiche Kampf, Diebstahl und Magie abdecken und durch steten Einsatz verbessert werden. Klauen kann man allerdings regulär nichts, da Diebstahl nur zum Schlösserknacken und Fernkampf dient. Nicht getragene Gegenstände werden in einem zentralen Inventar gesammelt. Für die Kampfführung besitzt jeder Charakter zwei Schaltflächen, eine für die Benutzung der ausgerüsteten Waffe, die andere zum Wirken eines gewählten Zaubers in der gewünschten Stärke. Lebensenergie und Magiepunkte regenerieren sich, von Heilsalben/-zaubern sowie Monstern, die die Party wecken, abgesehen, einfach durch Schlaf, oder selbständig mit der Zeit, was jedoch langwierig ist. Richtigen Komfort bietet die Automapping-Funktion. Es wird nicht nur einfach eine Karte mitgezeichnet, sondern auch automatisch alles Relevante eingetragen, von Orten über Schalter, aktivierbaren Bodenplatten bis hin zu Geheimdurchgängen. Die Interaktion mit der Umgebung wird genauso wie der Umgang mit Gegenständen durch simples Klicken geregelt.

Insgesamt spielt sich "Lands of Lore - The Throne of Chaos" einfach super. Dank der durchdachten Benutzerführung geht alles leicht von der Hand, lediglich für Kämpfe wünscht man sich einen "All Attack"-Knopf wie im zeitgleich erschienenen, nicht mehr von Westwood produzierten "Eye of the Beholder 3", da es manchmal arg "klicklastig" wird. Das Spiel ist enorm motivierend, alleine schon das Vorhaben, schnell ein paar Bildschirmfotos zu machen, endete darin, dass ich es wieder zur Hälfte durchgespielt habe. Die gelungene Handlung hält einen bei der Stange und leitet gut zu den jeweils neuen Schauplätzen über. Da die Areale nach einem übersichtlichen Beginn im Laufe des Spiels größer werden und man nicht mehr alle Sachen in festgelegter Reihenfolge erledigt, fühlt man sich aber niemals eingeengt. Die Schauplätze bieten eine gute Mischung aus Dungeons, Außenbereichen und Gebäuden, so dass auch hier keine Ermüdungserscheinungen auftreten. Das Design der Dungeons ist überaus gelungen, da viele kleine Rätsel einen beschäftigt halten. Es ist also kein reines Monster-Tötungs-Szenario. Dank der Automapping-Funktion bleibt man an keiner Stelle ellenlang hängen, weil man irgendeinen versteckten Schalter oder den Weg zum nächsten unbesuchten Areal nicht findet. Lediglich im allerletzten Abschnitt gibt es einige nervtötende und zeitraubende Fallen. Ansonsten lässt sich wenig kritisieren, außer der schon 1993 leicht angestaubten Einteilung der Umgebung sowie der an Felder gekoppelten Bewegung. Der Umbruch zur stufenlosen Bewegung fing aber gerade erst an. Je nach Geschmack, kann sich der eine oder andere noch an dem recht niedrig angesetzten Schwierigkeitsgrad stören. Wer Wert auf ein deutlich komplexeres Rollenspielsystem und fordernden Schwierigkeitsgrad legt, ist dann doch besser bei der Wizardry-Serie aufgehoben.

Fazit: Sollten bei den Dungeons & Dragons-Umsetzungen von Westwood noch irgendwelche Zweifel bestanden haben, so haben die Schöpfer es spätestens mit diesen Spiel bewiesen, dass sie ihr Handwerk bestens verstanden haben. "Lands of Lore - The Throne of Chaos" ist ein echter Klassiker, den zu spielen ich jedem interessierten Rollenspiel-Fan nur ans Herz legen kann.