Ende 1992 setzte die noch relativ unbekannte Firma Westwood Studios mit
ihrem Grafik-Adventure-Debüt "The Legend of Kyrandia" ein
erstes Ausrufezeichen in diesem Genre. Das Spiel erzählte die mit
viel Ironie versetzte Geschichte des jungen Brandon, der die Machenschaften
des bösen Hofnarren Malcolm durchkreuzte, nachdem dieser das Königspaar
ermordet, die Macht an sich gerissen und Brandons Großvater in Stein
verwandelt hatte. Am Ende des Spiels wurde der Bösewicht dafür
selber in Stein verwandelt. Nachdem Malcolm aus naheliegenden Gründen
im zweiten Teil der Kyrandia-Saga unpässlich war, ändert sich
dieser Zustand im Intro des hier besprochenen dritten Teils: ein Blitz
trifft den versteinerten Narren und hebt den Zauber auf. Malcolm ist also
wieder frei und sinnt auf Rache. Doch anstatt in die Rolle eines strahlenden
Helden zu schlüpfen, der den Narren erneut in seine Schranken verweist,
übernimmt der Spieler selber die Kontrolle über Malcolm, denn
es ist endlich an der Zeit, seine Version der Geschichte zu hören.
Bei der Bedienung des Spieles griff Westwood erneut auf das aus den
Vorgängern bekannte System zurück. Es gibt keinerlei Verben
oder Befehle, alle Aktionen werden durch simples Anklicken ausgelöst,
während Gespräche selbstständig ablaufen. Klickt man
tragbare Gegenstände an, so nimmt der Cursor ihre Form an und man
kann sie durch erneuten Klick mit anderen Gegenständen kombinieren
oder im (leider nach wie vor endlichen) Inventar ablegen. Neu dagegen
ist der Sondergegenstand in Form von Malcoms Narrenstab sowie das "Stimmungsmeter".
Mit dem Narrenstab, der einen separaten Platz hat, kann man so gut wie
jede Person zum Lachen bringen, was des Öfteren auch für Rätsel
relevant ist. Das "Stimmungsmeter" beeinflusst hingegen Malcolms
Verhalten in drei wählbaren Modi: "Nett", "Normal"
und "Lügen". Während Malcolm auf "Normal"
seiner schlechten Laune und seinem Sarkasmus freien Lauf lässt,
verhält er sich auf "Nett" anderen Personen gegenüber
(einigermaßen) freundlich, wogegen er bei "Lügen"
bestenfalls Wahrheiten sagt, wenn sie seinen Zielen dienlich sind.
Grafisch merkt man schnell, dass "The Legend of Kyrandia Book
3 - Malcolm´s Revenge" der erste Teil der Reihe ist, der
speziell für CD-ROM entwickelt wurde. So gibt es neben dem ausführlichen
Render-Intro diverse kurze Zwischenfilme, und bei den Aminationen ist
eine gehörige Aufstockung festzustellen. Optisch sieht alles sehr
schick aus, allerdings wurde bei den Hintergründen ein Wechsel
von gezeichneten zu mit einem 3D-Programm erstellten, vorgerechneten
Bildern vollzogen, die leider bedingt durch den damaligen Stand der
Technik recht detailarm ausfallen und mir etwas weniger gefallen als
die gezeichneten. Dennoch sind auch sie von guter Qualität und
beißen sich nicht mit den gezeichneten Figuren. Bei der Akustik
gab es ebenfalls einen Stilbruch, indem die typischen Fantasy-Melodien
durch moderne Musik ersetzt wurden. Diese ist jedoch hervorragend, auch
von der Klangqualität, und passt ausgezeichnet zum abgedrehten
Szenario. Die Dialoge sind durchgehend hochklassig vertont, wobei die
deutsche Version die englische Originalsprachausgabe beibehalten hat
und nur die Untertitel übersetzt wurden. Hält man sich allerdings
das damalige Durchschnittsniveau deutscher Vertonungen und die Qualität
der Übersetzungen der beiden ersten Kyrandia-Spiele vor die Nase,
so war es wirklich besser so.
Nun aber zum Spiel an sich. Konnten die ersten beiden Teile der Kyrandia-Saga
schon mit guten Geschichten und Charakteren aufwarten, so setzt Teil
drei mühelos noch mal einen drauf. Ein Glanzpunkt des Spiels ist
hierbei ganz klar der Hauptcharakter Malcolm, der mit seinem beißenden
Humor, seiner Grantigkeit und überhaupt seiner ganzen Erscheinung
als ergrauter Hoffnarr einen wunderbaren Anti-Helden abgibt. Dabei ist
es Westwood gelungen, Malcolm wirklich glaubwürdig in seiner Rolle
als "böser" Charakter darzustellen, ohne dass er dadurch
unsympathisch oder abstoßend wirkt. Dazu trägt zum Beispiel
schon das Intro bei, in dem gezeigt wird, dass bereits in Malcolms Kindheit
sein böses Gewissen das Gute ausgeschaltet und ihn fortan alleine
beeinflusst hat, was dann auch in den Ereignissen des ersten Teils mündete.
Insofern ist auch die Situation nicht ganz so einfach wie es zunächst
den Anschein hat. Doch nicht nur der Hauptcharakter ist mehr als unkonventionell,
auch die Schauplätze und die neuen Figuren sind herrlich schräg
ausgefallen. Das fängt an mit Malcolms schlechtem Gewissen, das
regelmäßig auftaucht, um das Geschehen zu kommentieren, und
geht weiter über eine Untergrundbewegung anthropomorpher Katzen
auf einer Tropeninsel, einer spielsüchtigen Fischkönigin bis
hin zu einer sehr eigentümlichen Version der Unterwelt. Das Ganze
glänzt mit einem skurrilen Humor, der auch dank der hervorragenden
Vertonung gut rüberkommt. Als zusätzlichen Gag kann man übrigens
ein Studiopublikum zuschalten, das die Witze mit Gelächter wie
in einer Sitcom à la "Eine schrecklich nette Familie"
kommentiert.
In Bezug auf Rätsel gibt sich Kyrandia glücklicherweise auch
keine wirkliche Blöße. Ab und zu gibt es mal ein etwas vermurkstes
Puzzle, wenn man zum Beispiel einem Pantomimen einen Fisch in seine
Kapuze legen muss, damit dieser des Geruchs wegen meint, er habe eine
Dusche nötig und das örtliche Badehaus aufsucht. Außerdem
gibt es ein Labyrinth in Form eines Dschungels, in dem man sich obendrein
noch auf jedem Bildschirm mit einer Machete den Ausgang zurecht schlagen
muss. Solche Schwächen kommen allerdings nur selten vor. Positiv
dagegen fällt die Komplexität des Spiels auf. Es gibt sehr
viele Schauplätze, Personen und manipulierbare Gegenstände.
Puzzles und Aufgaben haben sehr oft mehrere Lösungswege, und bei
einmaligem Durchspielen sieht man nicht zwingend alle Orte und Möglichkeiten.
Das System mit Malcolms verschiedenen Stimmungen wurde dabei auch wirklich
beim Rätseldesign berücksichtigt, man merkt oft einen deutlichen
Unterschied zu den anderen Stimmungen und muss oft umstellen, um weiterzukommen.
Das Spiel ist außerdem angenehm lang, ohne dabei in irgendeiner
Form gestreckt zu wirken.
Fazit: Es ist wirklich ein Jammer, dass Westwood sich nach diesem Spiel,
mit Ausnahme von "Blade Runner" aus dem Jahre 1997, aus dem
Adventure-Genre verabschiedet hat. Auch wenn zwischen "The Legend
of Kyrandia Book 3 - Malcolm´s Revenge" und den Klassikern
von Lucas Arts noch ein gewisser Abstand in der Qualität des Designs
besteht, so ist "Malcolm's Revenge" ein großartiges
Adventure, das in allen Punkten zu glänzen weiß und mir zehnmal
lieber ist als 90% aller Sierra-Adventures.
|