Legend of Kyrandia Book 3, The
Adventure

Riemann80
Mai 11
 

Ende 1992 setzte die noch relativ unbekannte Firma Westwood Studios mit ihrem Grafik-Adventure-Debüt "The Legend of Kyrandia" ein erstes Ausrufezeichen in diesem Genre. Das Spiel erzählte die mit viel Ironie versetzte Geschichte des jungen Brandon, der die Machenschaften des bösen Hofnarren Malcolm durchkreuzte, nachdem dieser das Königspaar ermordet, die Macht an sich gerissen und Brandons Großvater in Stein verwandelt hatte. Am Ende des Spiels wurde der Bösewicht dafür selber in Stein verwandelt. Nachdem Malcolm aus naheliegenden Gründen im zweiten Teil der Kyrandia-Saga unpässlich war, ändert sich dieser Zustand im Intro des hier besprochenen dritten Teils: ein Blitz trifft den versteinerten Narren und hebt den Zauber auf. Malcolm ist also wieder frei und sinnt auf Rache. Doch anstatt in die Rolle eines strahlenden Helden zu schlüpfen, der den Narren erneut in seine Schranken verweist, übernimmt der Spieler selber die Kontrolle über Malcolm, denn es ist endlich an der Zeit, seine Version der Geschichte zu hören.

Bei der Bedienung des Spieles griff Westwood erneut auf das aus den Vorgängern bekannte System zurück. Es gibt keinerlei Verben oder Befehle, alle Aktionen werden durch simples Anklicken ausgelöst, während Gespräche selbstständig ablaufen. Klickt man tragbare Gegenstände an, so nimmt der Cursor ihre Form an und man kann sie durch erneuten Klick mit anderen Gegenständen kombinieren oder im (leider nach wie vor endlichen) Inventar ablegen. Neu dagegen ist der Sondergegenstand in Form von Malcoms Narrenstab sowie das "Stimmungsmeter". Mit dem Narrenstab, der einen separaten Platz hat, kann man so gut wie jede Person zum Lachen bringen, was des Öfteren auch für Rätsel relevant ist. Das "Stimmungsmeter" beeinflusst hingegen Malcolms Verhalten in drei wählbaren Modi: "Nett", "Normal" und "Lügen". Während Malcolm auf "Normal" seiner schlechten Laune und seinem Sarkasmus freien Lauf lässt, verhält er sich auf "Nett" anderen Personen gegenüber (einigermaßen) freundlich, wogegen er bei "Lügen" bestenfalls Wahrheiten sagt, wenn sie seinen Zielen dienlich sind.

Grafisch merkt man schnell, dass "The Legend of Kyrandia Book 3 - Malcolm´s Revenge" der erste Teil der Reihe ist, der speziell für CD-ROM entwickelt wurde. So gibt es neben dem ausführlichen Render-Intro diverse kurze Zwischenfilme, und bei den Aminationen ist eine gehörige Aufstockung festzustellen. Optisch sieht alles sehr schick aus, allerdings wurde bei den Hintergründen ein Wechsel von gezeichneten zu mit einem 3D-Programm erstellten, vorgerechneten Bildern vollzogen, die leider bedingt durch den damaligen Stand der Technik recht detailarm ausfallen und mir etwas weniger gefallen als die gezeichneten. Dennoch sind auch sie von guter Qualität und beißen sich nicht mit den gezeichneten Figuren. Bei der Akustik gab es ebenfalls einen Stilbruch, indem die typischen Fantasy-Melodien durch moderne Musik ersetzt wurden. Diese ist jedoch hervorragend, auch von der Klangqualität, und passt ausgezeichnet zum abgedrehten Szenario. Die Dialoge sind durchgehend hochklassig vertont, wobei die deutsche Version die englische Originalsprachausgabe beibehalten hat und nur die Untertitel übersetzt wurden. Hält man sich allerdings das damalige Durchschnittsniveau deutscher Vertonungen und die Qualität der Übersetzungen der beiden ersten Kyrandia-Spiele vor die Nase, so war es wirklich besser so.

Nun aber zum Spiel an sich. Konnten die ersten beiden Teile der Kyrandia-Saga schon mit guten Geschichten und Charakteren aufwarten, so setzt Teil drei mühelos noch mal einen drauf. Ein Glanzpunkt des Spiels ist hierbei ganz klar der Hauptcharakter Malcolm, der mit seinem beißenden Humor, seiner Grantigkeit und überhaupt seiner ganzen Erscheinung als ergrauter Hoffnarr einen wunderbaren Anti-Helden abgibt. Dabei ist es Westwood gelungen, Malcolm wirklich glaubwürdig in seiner Rolle als "böser" Charakter darzustellen, ohne dass er dadurch unsympathisch oder abstoßend wirkt. Dazu trägt zum Beispiel schon das Intro bei, in dem gezeigt wird, dass bereits in Malcolms Kindheit sein böses Gewissen das Gute ausgeschaltet und ihn fortan alleine beeinflusst hat, was dann auch in den Ereignissen des ersten Teils mündete. Insofern ist auch die Situation nicht ganz so einfach wie es zunächst den Anschein hat. Doch nicht nur der Hauptcharakter ist mehr als unkonventionell, auch die Schauplätze und die neuen Figuren sind herrlich schräg ausgefallen. Das fängt an mit Malcolms schlechtem Gewissen, das regelmäßig auftaucht, um das Geschehen zu kommentieren, und geht weiter über eine Untergrundbewegung anthropomorpher Katzen auf einer Tropeninsel, einer spielsüchtigen Fischkönigin bis hin zu einer sehr eigentümlichen Version der Unterwelt. Das Ganze glänzt mit einem skurrilen Humor, der auch dank der hervorragenden Vertonung gut rüberkommt. Als zusätzlichen Gag kann man übrigens ein Studiopublikum zuschalten, das die Witze mit Gelächter wie in einer Sitcom à la "Eine schrecklich nette Familie" kommentiert.

In Bezug auf Rätsel gibt sich Kyrandia glücklicherweise auch keine wirkliche Blöße. Ab und zu gibt es mal ein etwas vermurkstes Puzzle, wenn man zum Beispiel einem Pantomimen einen Fisch in seine Kapuze legen muss, damit dieser des Geruchs wegen meint, er habe eine Dusche nötig und das örtliche Badehaus aufsucht. Außerdem gibt es ein Labyrinth in Form eines Dschungels, in dem man sich obendrein noch auf jedem Bildschirm mit einer Machete den Ausgang zurecht schlagen muss. Solche Schwächen kommen allerdings nur selten vor. Positiv dagegen fällt die Komplexität des Spiels auf. Es gibt sehr viele Schauplätze, Personen und manipulierbare Gegenstände. Puzzles und Aufgaben haben sehr oft mehrere Lösungswege, und bei einmaligem Durchspielen sieht man nicht zwingend alle Orte und Möglichkeiten. Das System mit Malcolms verschiedenen Stimmungen wurde dabei auch wirklich beim Rätseldesign berücksichtigt, man merkt oft einen deutlichen Unterschied zu den anderen Stimmungen und muss oft umstellen, um weiterzukommen. Das Spiel ist außerdem angenehm lang, ohne dabei in irgendeiner Form gestreckt zu wirken.

Fazit: Es ist wirklich ein Jammer, dass Westwood sich nach diesem Spiel, mit Ausnahme von "Blade Runner" aus dem Jahre 1997, aus dem Adventure-Genre verabschiedet hat. Auch wenn zwischen "The Legend of Kyrandia Book 3 - Malcolm´s Revenge" und den Klassikern von Lucas Arts noch ein gewisser Abstand in der Qualität des Designs besteht, so ist "Malcolm's Revenge" ein großartiges Adventure, das in allen Punkten zu glänzen weiß und mir zehnmal lieber ist als 90% aller Sierra-Adventures.