Mother 3
RPG

Motherfreak
Juli 10
 

Nach einer etwas längeren Pause ist es nun an der Zeit für das dritte und letzte Review der etwas anderen Rollenspielreihe. Die Rede ist von Mother 3.

Ungewöhnliche Videospiele scheinen mich geradezu magisch anzuziehen. Im Gegensatz zu bekannten Franchise-Spielen wie Mario können sie mich um einiges mehr begeistern, da ich mich beim Spielen einfach um einiges wohler fühle. Doch was hat das jetzt mit Mother 3 zu tun? Dass Mother eine ungewöhnliche Videospiel-Serie ist, brauche ich wohl aufgrund meiner vorangegangenen Reviews nicht mehr zu erwähnen. Mother 3 gilt aber auch in Bezug auf die eigene Reihe als recht ungewöhnlich, denn es unterscheidet sich stark von den Vorgängern. Darauf werde ich aber später eingehen. Zuerst möchte ich mich dem Hintergrund des Spiels widmen, der diesmal etwas umfangreicher ausfällt. Die Entwicklung des Spieles begann im Jahr 1994 und ein Jahr später wurde es auch für das Super Famicom angekündigt. Im Jahr 1997 wechselte die Entwicklung zum 64DD, einem nur in Japan erschienenen Zusatzmodul für den Nintendo 64, welches sich jedoch als Flop herausstellte. Der enorme Hype um dieses Spiel erreichte kurz zuvor sogar Europa, wo es ursprünglich ebenfalls wie in den Vereinigten Staaten unter dem Namen EarthBound 64 angekündigt war. Leider war das Spiel auf das Zusatzmodul angewiesen und so musste die Entwicklung auf ein normales Nintendo 64-Modul fokussiert werden. Dies erforderte aber eine neue Programmierung, für die allerdings das Geld fehlte. Somit wurde das Projekt im August 2000 stillgelegt. Seitdem stand es jahrelang auf Platz 1 in der Most Wanted Liste der Famitsu. Die Hoffnungen der Fans sollten aber erst drei Jahre später auf fruchtbaren Boden fallen. Im Jahre 2003 erschien eine Compilation für den Game Boy Advance mit Mother 1 und 2, und in einem Werbespot wurde Mother 3 für genau denselben Handheld angekündigt. Dies heizte natürlich die Fan-Gemeinde an - aber diesmal nur in Japan und den Vereinigten Staaten. In Deutschland sind die EarthBound/Mother-Spiele bis heute relativ unbekannt geblieben und nur peripher in der Super Smash Bros.-Reihe vertreten. Mother 3 erschien letztendlich am 20. April 2006 in Japan. Als es sich herausstellte, dass es nicht im Westen veröffentlicht werden sollte, entschlossen sich die Leute von Starmen.net das Spiel in die englische Sprache zu übersetzen. Im Oktober 2008 war es dann endlich soweit. Der Patch wurde auf Fobby.net unter dem Vorbehalt, dass der Vertrieb mit der kommerziellen Lokalisation von Mother 3 in den Vereinigten Staaten sofort beendet wird, online gestellt. Aber das Spiel wurde bisher weder dort noch hier lokalisiert.

Jetzt aber zum Spiel. Das Kampfsystem ist dem des Vorgängers recht ähnlich, aber ich möchte es trotzdem noch einmal erklären. Die Gegner sind alle im Vorfeld sichtbar und man kann ihnen, sofern man es schafft, aus dem Weg gehen. Zumeist laufen sie aber auf den Spieler zu, so dass es zwangsläufig zu einem Kampf kommt. Danach wird der Kampfbildschirm eingeblendet, auf dem die Gegner und natürlich die Hit-Points-Boxen der Truppe zu sehen sind. Letztere werden wie beim Vorgänger ebenfalls als eine Art Slot dargestellt, in dem die Lebenspunkte, je nach dem ob man gerade geheilt oder verprügelt wird, hoch- oder runterscrollen. Dies bewirkt, dass man sich notfalls selbst noch bei einem tödlichen Treffer heilen kann. Allerdings muss man sich damit beeilen, da die Lebenspunkte beständig runterscrollen, trotz der rundenbasierenden Kämpfe. Das Kampfgeschehen ist dadurch aber deutlich aktiver. Gegen Ende des Spieles verursachen die Gegner jedoch permanent tödlichen Schaden, was das Spielgeschehen ganz schön hektisch werden lässt. Beim Kontakt mit den Gegnern ist noch besonders entscheidend, von welcher Seite sie auf den Spieler treffen. Berührt man sich von Angesicht zu Angesicht, beginnt der Kampf normal. Springt der Gegner den Spieler hinterrücks an, dürfen die Gegner zuerst angreifen, ohne dass der Spieler sich wehren kann. Andersrum geht es natürlich ebenso. Bei Mother 3 darf auch endlich gerannt werden, womit man verschiedene Gegner sogar rammen kann. Ist man stark genug, laufen sie aber einem davon. Magische Kräfte in Form von PSI, mit denen man sowohl heilen wie auch angreifen kann, dürfen hier ebenfalls nicht fehlen. Allerdings ist deren Einsatz nur zwei Charakteren, Lucas und Kumatora, vorbehalten. Die anderen Charaktere können dafür spezielle Fähigkeiten einsetzen, die von unterschiedlicher Natur sind. So kann Duster verschiedene Gegenstände benutzen, um zum Beispiel die Gegner zu lähmen. Boney kann hingegen die Schwächen der Gegner erschnüffeln. Weitere Kampfaktionen sind verteidigen, Items einsetzen und natürlich angreifen. Dem Angriff wohnt noch zusätzlich eine besondere Funktion, die manchmal ausgelöst wird, inne: fast jeder Gegner tritt mit einer anderen Hintergrundmelodie und somit einem anderen Takt auf. Wenn man sich geschickt anstellt, kann man im richtigen Takt bis zu 16 Schläge hintereinander ausführen.

Womit wir beim Stichwort Soundtrack wären. Im Spiel befinden sich über 250 verschiedene Melodien, wovon manche nur ein einziges Mal zum Zug kommen. Oft sind sie entweder von düsterer, aber auch von bewusst verrückter Natur. Alles in allem sind sie sehr stimmig und passen zur jeweiligen Situation. Insgesamt lässt sich aber sagen, dass der Soundtrack für Game Boy Advance-Verhältnisse absolut atemberaubend und wunderschön ist. Die Grafiken sind dagegen eher zweckmäßig, jedoch liebevoll gestaltet und verleihen dem Spiel eine eigene Atmosphäre.

Im späteren Verlauf des Spieles bekommt man auch Geld, welches üblicherweise von Gegnern hinterlassen wird. Es wird direkt auf ein sicheres Konto überwiesen, welches von Fröschen verwaltet wird. Bei den recht großzügig an vielen Stellen im Spiel verteilten Fröschen wird auch der Spielfortschritt gespeichert. Das Spiel an sich ist nicht gerade einfach, so dass viel Training notwendig ist, um einen bestimmten Gegner oder Boss zu besiegen.

Die Geschichte wurde im Gegensatz zu den Vorgängern stark erweitert und ist sehr viel düsterer gehalten. Die Charaktere, sowohl die spielbaren als auch die nicht spielbaren, sind allesamt stark ausgebaut, so dass man sehr gut mit ihnen mitfühlen kann. Über die tragischen Schicksale, die sie alle erleiden werden, ist man deshalb emotional stark berührt. Trotz der düsteren und traurigen Geschichte haben es die Entwickler geschickt geschafft, Humor mit einzuflechten. Dies mag zwar gegensätzlich klingen, es stellt jedoch eine passende Mischung aus Tragik und Komik dar, ohne dabei die Handlung, die Charaktere und die Spielwelt selbst lächerlich wirken zu lassen. Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass das Spiel auf sehr, sehr viele gesellschaftskritische Themen eingeht. Sogar Tabu-Themen sind mit dabei und können einen richtig nachdenklich stimmen - wenn man sich auf das Spiel ernsthaft einlässt. Auch menschliche Abgründe werden hier ausgegraben. Das Ende ist eines der traurigsten, das ich jemals erleben durfte - also haltet eure Taschentücher bereit. ;)

Trotz all der positiven Aspekte hat das Spiel auch einige Schwächen. Die Handlung ist sehr linear und die Spielwelt sehr klein. Zwar existieren auf den Nowhere Islands die unterschiedlichsten Regionen wie etwa eine Wüste oder eine Schneelandschaft, aber die Inseln sind an sich nicht sehr groß und es gibt lediglich zwei Städte, von denen man aber nur eine immer wieder besuchen kann. Optionale Bosse und auch kleinere Sidequests sind zwar vorhanden, allerdings können sie den heutzutage sehr verwöhnten Spieler nicht mehr zufrieden stellen. Wen dies nicht stört und wer auf Parodie steht, der kann sich beruhigt das Spiel holen. Für das Original sollte man Japanisch-Kenntnisse besitzen, ansonsten muss man auf die großartige englische Übersetzung von Starmen.net ausweichen.

Bevor ich nun zum Fazit komme, möchte ich noch kurz die Story und die Charaktere vorstellen.

Die Bewohner von Tazmily beziehungsweise den Nowhere Islands sind die letzten Überlebenden der Menschheit. Sie leben dort in einem utopischen Dorf im Einklang mit der Natur. Aus unserer Sichtweise würde man diese Gesellschaft als unterentwickelt bezeichnen. Allerdings lebt man untereinander in Frieden und alle scheinen glücklich zu sein. Doch eines Tages tauchen merkwürdige Menschen mit Schweinemasken auf und stecken den Wald in Brand. Die erste Tragödie lässt nicht lange auf sich warten und weitere schreckliche Ereignisse folgen ihr allzu bald.

So, jetzt noch kurz zu den einzelnen Charakteren.

Lucas und Claus sind Zwillinge, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Während Lucas noch am Rockzipfel seiner Mutter hängt und eher schüchtern und ängstlich wirkt, sprudelt sein abenteuerlustiger und impulsiver Bruder Claus vor lauter Energie nur so über. Dennoch vertragen die beiden sich gut und spielen sehr häufig mit den Dragos, einer friedlichen Rasse von Riesenechsen, die einem Tyrannosaurus ähnlich sehen.

Hinawa ist die liebevolle Mutter der beiden Zwillinge und die gute Seele des Dorfes. Sie ist für ihre Omeletts und ihren sonderbaren Vater, der in den Bergen lebt, berühmt. Flint ist der Mann von Hinawa und der Vater der Zwillinge. Sein Beruf ist Schäfer - er ist sehr verantwortungsbewusst, weshalb er nie zu Familienausflügen mitkommen kann und im Dorf zurückbleibt. Nichtsdestotrotz würde er es nie zulassen, dass seiner Familie etwas geschieht. Der letzte im Bunde ist der Hund Boney, ein treuer und friedlicher Hund, welcher auf die Schafe aufpasst.

Duster wohnt bei seinem strengen und cholerischen Vater Wess, von dem er zum Dieb ausgebildet wird. Duster selbst ist körperlich behindert, kommt aber prima zurecht und besitzt viele schlummernde Talente. Er wurde jahrelang im Keller des Hauses eingesperrt gehalten, um sich den Vorstellungen seines Vaters entsprechend ganz auf sein Training zu besinnen. Deshalb fällt es ihm ein bißchen schwer auf andere Menschen zuzugehen.

Kumatora ist die Prinzessin vom Schloss Osohe, allerdings lebt sie dort allein mit Geistern, da sie ein Waisenkind ist. Sie hat von einer so genannten Magypsy den Umgang mit PSI-Kräften gelernt und nebenbei deren Verhaltensmuster angenommen - nicht zuletzt deswegen ist sie zum "Tomboy" geworden. Sie ist sehr selbstbewusst und manchmal kratzbürstig, allerdings hat sie einen stark ausgeprägten Beschützerinstinkt gegenüber Schwächeren.

Fazit: Ich liebe dieses Spiel abgöttisch! Nicht zuletzt wegen dieses Spieles bin ich ein Fan der Reihe geworden. Der Soundtrack, die Charaktere, die düstere und dichte Atmosphäre, der Humor und die emotionale und glaubwürdige Handlung, all das hat mir damals sehr gut gefallen, weshalb ich über die wenigen Schwachpunkte hinwegsehen kann. Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet bin ich einfach ein "Fan Boy", weshalb man meine Meinung nicht auf die Goldwaage legen sollte. Die Mother-Reihe spaltet nun mal die Videospielgemeinde in zwei Teile, diejenigen, die sie hassen, und diejenigen, die sie abgöttisch lieben. Ich gehöre selbstverständlich der letzten Gruppe an (die Famitsu ebenso: 10/9/9/8, was eine extrem gute Wertung ist). Neulinge sollten deshalb lieber vorher Probe spielen (wenn man kann).

Meine persönliche Wertung: Elf von zehn Punkten!