Nostalgia
RPG


Patricia
Dezember 10

 


Der Titel "Nostalgia" lässt bereits erahnen, dass sich dieses Rollenspiel vor allem an Retro-Liebhaber richtet. Handelt es sich dabei aber nun um ein Remake oder um eine der vielen Neuentwicklungen, die den Charme vergangener Tage einzufangen versuchen? Die Antwort liegt überraschenderweise irgendwo dazwischen. Studio Red begann die Entwicklung von "Nostalgia" bereits Mitte der 90´er Jahre, als der in Japan sehr beliebte Sega Saturn in seiner Blütezeit stand. Der Erfolg eines anderen Spiels aus den eigenen Reihen setzte dem Ganzen jedoch ein jähes Ende. Reds "Sakura Wars" schlug in Nippon ein wie eine Bombe. Wer sich jetzt fragt warum, der kann Genaueres in meinem Review zum fünften Teil der Reihe hier auf Pixel-Heroes nachlesen. Dem Nachfolger "Sakura Wars 2" wurde daraufhin oberste Priorität eingeräumt, so dass die Grundrisse von "Nostalgia" in einer finsteren Schublade landeten. Wer weiß, wie viele andere vielversprechende Spiele in feuchten Kellern und düsteren Abstellkammern diverser Unternehmen ihr trauriges Dasein fristen? Doch irgendein Mitarbeiter von Red hat anscheinend nur auf die richtige Gelegenheit gewartet, um das, was vor über 15 Jahren begonnen wurde, zu vollenden. Ob sich die Wiederbelebung gelohnt hat, erfährt ihr nun in diesem Review.

Als Sohn eines weltberühmten Schatzjägers ist es Eddies größter Traum, eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Doch seine besorgte Mutter konnte ihn bis jetzt immer davon abhalten. Nach dem spurlosen Verschwinden seines Vaters gibt es für den beherzten Jungen jedoch kein Halten mehr, zumal er felsenfest überzeugt ist, dass der Vermisste noch unter den Lebenden weilt. Also raus aus der behüteten Londoner Villa und rein in die große, gefährliche Welt. Wie es sich für ein traditionelles Rollenspiel gehört, wird Eddie allzu bald von einer bunten Truppe unterstützt.

Pad ist ein junger Dieb, der die Hintergassen und Kanäle wie seine eigene Westentasche kennt. Sowohl seine Pistole als auch sein Mundwerk sitzen ziemlich locker. Hinter der rauen Schale verbirgt sich jedoch ein fürsorglicher Kamerad, der für seine Freunde durchs Feuer gehen würde.

Die Hexe Melody ist das Sorgenkind im Magierdorf. Sie ist tollpatschig, ungeduldig und unfähig ihre unglaublichen Kräfte unter Kontrolle zu halten. Dabei würde sie nur zu gerne den kaltblütigen Mord an ihrer Mutter rächen. Mit Pad liefert sie sich oft heftige Wortgefechte.

Mit der weißen Priestertracht und ihrer stillen Art stellt Fiona das typische geheimnisvolle Mädchen dar. Dass sie an Gedächtnisverlust leidet und eine wichtige Rolle beim Aufdecken der wahren dunklen Machenschaften spielt, ist deshalb nicht überraschend. Als Heilerin ist sie im Kampf unverzichtbar.

Obwohl alle Charaktere sehr sympathisch und abwechslungsreich ausgefallen sind, lassen sie einen Tick an Originalität missen. Sie sind einfach zu beliebig und austauschbar. Das Gleiche gilt für die Bösewichte. Von ihnen ist mir nur die kecke Luftpiratin Scarlett in Erinnerung geblieben. Die Geschichte bleibt aufgrund einer Menge Verwicklungen und lustiger Dialoge trotzdem interessant und motiviert zum Weiterspielen.

Beim Gameplay wird bewährte Kost serviert. Rundenbasierte Kämpfe, exotische Dungeons und ein einfaches Skill-System gehen routiniert von der Hand. Das leicht an das 19. Jahrhundert angelehnte Flair und das Reisen mit Luftschiffen heben das Ganze jedoch vom Durchschnitt ab. Wer gerne abseits des Weges unterwegs ist, wirft am besten einen Blick ins Logbuch. Egal ob die Lösung von zahlreichen Subquests oder das Komplettieren von Karten und Item-Listen, für Sammler gibt es immer etwas zu tun. Eigentlich gibt es nur einen einzigen Punkt, der sich vom Old-School-Schema abhebt, der Schwierigkeitsgrad, der mit Ausnahme einiger Bosskämpfe sehr niedrig ist.

Grafisch gibt sich Nostalgia keine Blöße. Hübsche 3D-Modelle, detaillierte Hintergründe und flotte Zauberanimationen zeigen, was der Nintendo DS so alles drauf hat. Statt eines Vorspanns gibt es tolle Aquarelle zu bewundern, die perfekt zur Stimmung passen. Auch die Musik kann überzeugen. In St. Petersburg gibt es russische Melodien zu hören, während in New York Blues das Geschehen untermalt. Auch wenn mir keine einzelne Melodie richtig in Erinnerung blieb, so ist es doch unverständlich, dass es keine Soundtrack-CD zum Spiel gibt. Leider wurde auf Sprachausgabe oder zusätzliche Zwischensequenzen gänzlich verzichtet. Durch die hohe Qualität der Spielgrafik und die gelungenen Texte fällt dies aber nicht weiter ins Gewicht.

Wer jetzt neugierig geworden ist, muss zum US-Import greifen, denn leider hat "Nostalgia" es nicht nach Europa geschafft. Mit 25 Stunden hat die Geschichte genau die richtige Länge. Wer dennoch nicht genug bekommen kann, schlägt locker noch 10 Stunden oder mehr für allerlei Nebenaufgaben drauf.

Fazit: Was macht ein gutes und was ein sehr gutes Rollenspiel aus? "Nostalgia" hat alles, Charme, gute Spielbarkeit, Spannung und viel Herz. Trotzdem fehlt mir das berüchtigte I-Tüpfelchen, das herausragende Werke wie "Skies of Arcadia", "Grandia" oder "Lunar - The Silver Star" ausmacht. Für eingefleischte Rollenspieler kann ich trotzdem eine klare Empfehlung abgeben. "Nostalgia" ist ideal für all die, die klassische Kost mögen, jedoch keine Zeit oder Geduld mehr für langes Aufleveln besitzen.

Kommentar Nr. 1
Schreiber: Minrod

"Indiana Jones" meets "Skies of Arcadia" - mit diesem ungewohnten Szenario verspricht "Nostalgia" ein völlig neues Rollenspielerlebnis, ein archäologisches Abenteuer mit spannenden Luftkämpfen. Aufgrund der schönen Grafik ist es auch ein echter Hingucker, aber leider hält dessen Zauber einer genaueren Betrachtung nicht stand. Schuld daran ist die geradezu überschäumende Oberflächigkeit, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte, scheinbar hastig zusammengezimmerte Spielkonzept zieht. Große Metropolen wie zum Beispiel Kairo werden nur in Form eines einzigen bildschirmgroßen Schauplatzes mit den nötigsten Einrichtungen dargestellt, und alle wichtigen Dialoge der recht unspektakulären und durchschaubaren Erzählung in zwei oder drei knappen Sätzen abgehandelt. Der kindgerechte Schwierigkeitsgrad in den Dungeons steht in keinem Verhältnis zu den langwierigen und oft unfairen Luftkämpfen, die absolut nervtötend sind. "Nostalgia" mag ambitioniert erscheinen, scheitert jedoch an einer lieblosen Umsetzung. Mehr als fünf Punkte sind aus meiner Sicht nicht drin, da mir selten ein derart überflüssiges Rollenspiel begegnet ist.