Mitte der Neunziger wurde mit "Sakura Wars" ein echtes Juwel
für den Sega Saturn veröffentlicht, das gekonnt ein Textadventure
mit rundenbasierten Strategiekämpfen sowie einem Schuss Dating-Simulation
vereinte. Aufgrund der exzellenten Anime-Grafik und einem wahren Ohrwurm
als Titellied war dieses Spiel an Charme kaum zu übertreffen. Trotz
guter Verkaufszahlen blieb es jedoch mitsamt einigen Fortsetzungen und
Spin-Offs nur den Japanern vorbehalten. Bis jetzt, denn mit dem fünften
Hauptteil der Reihe, welcher den Untertitel "So Long, My Love"
führt, wagt Sega endlich den Sprung in den Westen. Dieser hat allerdings
bereits etwas Staub angesetzt, ist er doch bereits vor fünf Jahren
für die Playstation 2 erschienen. Unser einer darf sich aber erst
ab diesem Jahr mit der Wii-Portierung vergnügen, die ich euch nun
ausführlich näher bringen möchte.
"Sakura Wars - So Long, My Love" spielt Ende der Zwanziger
Jahre des letzten Jahrhunderts in New York. Es wird hier aber kein historisches
Abbild dieser Zeitepoche geliefert sondern eine idealisierte und witzige
Interpretation mit einer guten Portion Steampunk. Das Steampunk-Genre
beruht auf der Idee, dass sich Dampf als Energieträger durchgesetzt
hat, so dass alles stark an die Welten des Schriftstellers Jules Verne
erinnert.
Auf der ganzen Welt treten natürliche Energievorkommen auf, an
denen als logische Konsequenz riesige Menschenanballungen in Form großer
Städte entstehen. Doch die starke Ausstrahlung der Energie (im
Spiel Pneuma genannt) zieht auch Dämonen an. Deshalb werden große
Metropolen von Spezialtruppen beschützt. Die New Yorker "Star
Division" wurde erst kürzlich gegründet und benötigt
dringend Unterstützung. Mit einer entsprechenden Bitte an die erfahrene
Tokyo-Blütensturmtruppe fängt unsere Geschichte an. Statt
des erfahrenen Kapitäns Ogami wird aber der junge Leutnant Shinjiro
Taiga (aka Shin) in die Höhle des Löwen geschickt. Selbstverständlich
übernimmt der Spieler die Rolle des jungen Recken, der durch einen
frostigen Empfang in New York erst einmal verunsichert wird. Weil niemand
ihm etwas zutraut, wird er zum Putzdienst verdonnert! Doch als kurz
darauf Dämonen die Stadt angreifen, bekommt Shin die Gelegenheit
seinen Wert zu beweisen. Die gesamte Geschichte entspricht einer simplen
Gut-Gegen-Böse-Rahmenhandlung und lebt vor allem durch die Charaktere,
die sich nach und nach um Shin versammeln. Die "Star Division"
besteht aus folgenden Mitgliedern:
Cheiron Archer - Mit der Afroamerikanerin aus Harlem ist nicht zu spaßen.
Sie hat ein aufbrausendes Temperament und flucht gerne. Wenn sie als
Anwältin vor Gericht steht, ist sie in ihrem Element.
Subaru Kujo - Die junge Japanerin gilt als Genie. Sie praktiziert das
traditionelle japanische No-Theater und hat eine Vorliebe für Jazz.
Ihre kühle Distanziertheit umgibt sie mit einer geheimnisvollen
Aura. Ihr Geschlecht bleibt lange im Dunkeln.
Rosarita Aries - Die Mexikanerin verlor früh ihre Eltern und schlägt
sich als Kopfgeldjägerin durch. Sie hat IMMER Hunger und liebt
es ihre Sätze in Reime zu verpacken. Mit nur elf Jahren ist sie
das jüngste Mitglied der Truppe.
Diana Caprice - Eine Ärztin, die an einer schweren Krankheit leidet.
Sie liebt Vögel und ist durch fast nichts aus der Ruhe zu bringen.
Gemini Sunrise - Ein echtes Cowgirl aus Texas, das sich für den
Schwertkampf der Samurai begeistert. Sie ist eine schusselige Tagträumerin
mit einem großen Herz.
Das Spiel besteht aus acht Kapiteln, die in unterschiedliche Abschnitte
aufgeteilt sind. Zuerst müssen, vorwiegend in Form von Gesprächen
mit Standbildern, Informationen gesammelt werden. Mit den richtigen
Antworten und Entscheidungen werden dabei nicht nur allgemein, sondern
vor allem bei den Mädchen Punkte gesammelt. ^^ Das Ganze wird mit
einfachen Reaktions-Minispielen aufgelockert. Wenn es zur Konfrontation
mit den Dämonen kommt, wechselt das Spiel ins Strategiefach. Sowohl
Shin als auch jedes der Mädels besitzt einen "STAR",
einen Kampfroboter mit individueller Waffe, der sich sogar in einen
fliegenden Jet verwandeln kann. Der Handlungsrahmen jedes Kampfroboters
wird durch eine Aktionsleiste dargestellt, die durch Aktionen verbraucht
wird. Dabei kann auf Angriff, Verteidigung und eine Superattacke zurückgegriffen
werden. Noch besser ist es aber zusammen mit einem Partner anzugreifen,
um mit der Join-Attacke massiven Schaden zu verursachen. Items gibt
es keine. Einmal pro Runde kann auf Kosten der Skill-Leiste geheilt
werden. Diese lädt sich bei gegnerischen Angriffen langsam wieder
auf und wird auch für die Join- und Superattacken in Anspruch genommen.
Je mehr Punkte eure weiblichen Partner aus den vorangegangenen Gesprächen
haben, desto besser sind ihre Statuswerte. Die aktuelle Situation kann
jederzeit im Speichermenü abgerufen werden. Mit den gemeinsamen
Angriffen steigert man auch die Freundschaft zwischen den einzelnen
Charakteren. Im letzten Drittel darf sich der Spieler dann sogar ein
Herzblatt für das Happy End aussuchen (Wie ROMANTISCH!). Die Strategiekämpfe
weisen anfangs noch einen lockeren Schwierigkeitsgrad auf, in späteren
Kämpfen ist die richtige Taktik zum Überleben notwendig.
Obwohl "Sakura Wars - So Long, My Love" nicht auf dem aktuellen
Stand der Technik ist, gehört die Grafik zu den Pluspunkten. Die
wunderschönen Zwischensequenzen und Standbilder entsprechen einem
richtigen Anime-Festschmaus. Teilweise hat man wirklich den Eindruck,
eine interaktive Anime-Serie vor sich zu haben. Die 3D-Umgebung ist
dagegen zweckmäßig, aber vollkommen ausreichend. Sie findet
vorwiegend während den Kampfphasen Verwendung, aber auch die Umgebung
ist teilweise in 3D-Arealen begehbar. Die Schlachten sind stets übersichtlich
und weisen liebevolle Details auf, wie zum Beispiel Rosaritas ungeduldiges
Wippen. Die Musik passt hervorragend zum Geschehen und das Titellied
ertönt glücklicherweise in japanischer Sprache. Die restliche
Sprachausgabe ist in Englisch. Zuerst habe ich etwas neidisch auf die
amerikanische Playstation 2-Version geschielt, die eine zweite Disk
mit japanischer Synchronisation beinhaltet, aber die gute Qualität
der englischen Sprecher lässt diese kaum vermissen. Gute Englischkenntnisse
sind aufgrund der vielen Texte jedoch Pflicht!
Da sich die Endsequenz je nach erwählter Favoritin ändert,
ist der Wiederspielwert relativ hoch. Beim ersten Durchgang braucht
man für das Spiel etwa fünfzehn Stunden. Ein zweiter Anlauf
wird mit erhöhten Statuswerten belohnt und der bereits bekannte
Text darf weggeklickt werden. Ungefähr in der Mitte der Geschichte
öffnet sich im Startmenü ein Extrapunkt, unter dem Musik,
Bilder und Filme nochmals genossen werden können.
Würde ich die ersten beiden Teile der Reihe nicht kennen, hätte
ich dem Spiel vielleicht eine perfekte Wertung verliehen. Im direkten
Vergleich punkten die ersten beiden Teile für den Sega Saturn mit
mehr Abwechslung bei den Minispielen und die Mädchen sind dort
noch einen Tick sympathischer.
Fazit: "Sakura Wars - So Long, My Love" ist ein echter Geheimtipp!
Es bietet dramatische Ereignisse, Action und Herzschmerz sowie viel
zum Lachen. Darüber hinaus besticht es durch den fabelhaft umgesetzten
Genre-Mix und eine bezaubernde Präsentation, die vor allem Anime-Fans
ansprechen dürfte. Somit kann ich diesen Titel eigentlich allen
Wii-Besitzern wärmstens empfehlen!
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