So originell und ausgefallen sich manche Rollenspiele beim Kampfsystem
und/oder Charakterdesign auch geben, so beliebig und austauschbar sind
gleichzeitig die meisten Szenarien. Wenn es um große Epen geht,
gehören mittelalterlich angehauchte Fantasy-Welten zum Standard.
Dass es auch anders geht, beweisen die Shin Megami Tensei-Spiele von Atlus,
die übersetzt in etwa für "Die wahre Wiedergeburt der Göttin"
stehen. In Japan bereits seit Anfang der 90´er ein Hitgarant, wird
die Reihe im Westen erst seit wenigen Jahren zaghaft mit ein paar Titeln
versorgt. Wer sich etwas näher mit der Hintergrundgeschichte beschäftigt,
sieht gleich warum. Die Shin Megami Tensei-Reihe beinhaltet nicht nur
zahlreiche Horrorelemente, sondern wimmelt nur so vor christlichen Motiven.
Für den westlichen Markt, vor allem die USA, waren religionskritische
Themen in der jüngsten Vergangenheit noch ein zu heißes Eisen.
Nach den zwei in Japan erfolgreichen Famicom-Teilen "Megami Tensei
- Digital Devil Saga" wurde die Serie auf dem Super Famicom mit
frischen Ideen mehrfach fortgesetzt. Den ersten Super Famicom-Teil,
der nur "Shin Megami Tensei" heißt, möchte ich
euch heute näher vorstellen.
Das Spiel startet mit einer bedrückenden Traumsequenz samt seltsamen
Begegnungen. Bei einigen dieser Personen handelt es sich um zukünftige
Mitstreiter, weshalb man hier Namen eintippen und Statuspunkte verteilen
darf. Als der Alptraum endlich endet, wacht unsere Spielfigur im vertrauten
Heim auf. Der Spieler steuert einen jungen Mann, in vielen Guides einfach
nur "Hero" genannt, der sich für Computer begeistert.
Sein erster Griff am Morgen ist deshalb der zum PC. Als ob die schlechte
Nacht nicht bereits genug gewesen wäre, wird er von einer verrückten
E-Mail, in der vor einer Dämoneninvasion gewarnt wird, noch zusätzlich
verwirrt. Natürlich nimmt unser Held dies nicht ernst. Zwar gab
es in letzter Zeit einige brutale Morde und unheimliche Gerüchte
machen die Runde, aber wer soll an diesen Unfug schon glauben? Um sich
abzulenken, gibt es nichts Besseres als einen Einkaufsbummel. Beim Besuch
in einem Einkaufszentrum ertappt unser Held zufällig den gesuchten
Mörder bei einer weiteren grausigen Tat. In die Ecke gedrängt
verwandelt sich der Täter in einen Teufel und lässt unseren
Helden fassungslos zurück. Wieder daheim, findet er eine weitere
Mail in seinem virtuellen Postfach, die ein Dämonenbeschwörungsprogramm
beinhaltet. Der Absender sucht einen mutigen Menschen, der mit Hilfe
dieses Programms den Monstern Einhalt gebietet, indem er die Kraft der
Kreaturen für das Gute benutzt. Somit beginnt für unseren
Helden eine Reise durch das von Fabeltieren, Dämonen und Engeln
überrannte moderne Tokio. Schnell wird er dabei in den Machtkampf
zweier Urgewalten hineingesogen. Die Messiasjünger folgen einer
strengen Ordnung und sehen die Bedrohung als eine Prüfung Gottes.
Die Mitglieder von Gaia betrachten die durch die Dämonen verursachte
Anarchie als Befreiung aller Lebewesen und fordern das Recht des Stärkeren
ein. Dahinter steckt nichts weniger als der ewige Machtkampf zwischen
Himmel und Hölle, Gott gegen Luzifer. Für welche Seite sich
unser Held im Endeffekt entscheidet, hängt dabei gänzlich
vom Spieler ab! Helfen wir den Engeln ein Paradies für einige wenige
Auserwählte zu erschaffen und opfern für dieses Ideal den
Rest der Menschheit, oder unterstützen wir Luzifer bei seinem Kampf
für die ultimative Freiheit, die unweigerlich zum Chaos führt?
Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, den neutralen Weg, der sich
gegen die Großmächte stellt und den gemäßigten
Pfad der Menschen vertritt. Die Geschichte, die Dialoge, die Bosse und
natürlich das Ende unterscheiden sich je nach gewählter Ausrichtung.
Die Geschichte selbst ist schlicht und einfach grandios. In trostloser
Endzeitstimmung, von Extremisten umringt, gilt es sich einen Weg durch
die unendlich scheinende Schar der Dämonen zu bannen. Jede Seite
hat triftige und einleuchtende Argumente, so dass es nicht immer leicht
ist, eine Entscheidung zu treffen.
"Shin Megami Tensei" wird fast ausschließlich aus der
Egoperspektive dargestellt. Somit darf man berechtigt mit rundenbasierten
Kämpfen in 3D-Dungeons rechnen, in denen auch Shops und wichtige
Missionsziele in verwinkelten Ecken zu finden sind. Die Oberwelt wird
nur für kurze Strecken verwendet und erinnert durch die nüchterne
Aufmachung eher an einen zweckmäßigen Stadtplan. Unsere Truppe
kann sich gleichzeitig mit Stichwaffen sowie Maschinengewehren ausrüsten.
Da unser Held aber oft alleine oder nur mit einer Begleitung unterwegs
ist, ist er stark auf die Hilfe des Dämonenprogramms angewiesen.
Bevor es zum Kampf kommt, kann man noch mit allen Gegnern kommunizieren.
Im Gespräch können mehrere Optionen ausgewählt werden.
Soll man freundlich sein oder frech seinen Mut beweisen? Manchmal lassen
sich die Kreaturen vertreiben oder verschenken sogar Geld und Magnetite,
wenn sie in Plauderstimmung sind. Mit etwas Glück schließen
sich einige Fabelwesen sogar unserer Truppe an. In speziellen Räumen
geht es dann ans Fusionieren, das mittels diverser Verschmelzungen noch
stärkere Dämonen formt. Was sich zuerst wie ein Pokémon-Verschnitt
anhört, ist eine kreative Möglichkeit, mit der eine wehrhafte
Truppe auf die Beine gestellt werden kann. Vorhin habe ich Magnetite
erwähnt, die neben Geld die zweite Währung im Spiel darstellen.
Diese magischen Klunker braucht man, um die aktiven Dämonen bei
Laune zu halten. Die riesigen Dungeons und die sehr hohe Anzahl an Zufallskämpfen
fordern dem Spieler alles ab. Zum Teil wird man wirklich alle zwei Schritte
in einen Kampf verwickelt. Genervt hat mich das trotzdem nie, was wohl
am flotten Tempo der Gefechte liegt. Speicherpunkte sind rar gesät,
können zum Glück aber jederzeit mit einem Warp-Spruch erreicht
werden. In der Nähe der Speicherpunkte sind auch meistens heilende
Priester und hilfreiche Geschäfte zu finden. Bei einem Levelaufstieg
können die Statuspunkte nach Belieben verteilt werden. Diese erhöhen
nicht nur die eigenen Fähigkeiten sondern haben sogar Einfluss
auf die Werte unserer teuflischen Helfer.
Die ersten Spielstunden war ich von der Grafik arg enttäuscht.
Die Dungeons bestehen praktisch nur aus unzähligen, aneinandergereihten
einfarbigen Wänden. Personen bestehen aus pixeligen Haufen ohne
jegliche Gesichtszüge. Insgesamt eine Schande für eine 16-Bit-Konsole.
Einzige Ausnahme bilden die Fabeltiere und Monster. Diese begeistern
nicht nur durch ein fantasievolles Design, sondern auch mit großen
Sprites und Animationen. Wer jetzt bei den Dämonen an bekannte
und klischeebeladene Stereotypen denkt, wird positiv überrascht,
denn "Shin Megami Tensei" orientiert sich an beinahe allen
Sagen aus der realen Welt. Christliche Seraphim fehlen ebenso wenig
wie irische Feen, chinesische Drachen, japanische Geister oder indische
Götter. Wer sich ein bisschen für Mythologie interessiert,
wird seine helle Freude an all den bekannten Kreaturen haben. Die Kathedrale
am Schluss des Spieles zeigt eindrucksvoll, wie toll ein 3D-Dungeon
auf dem Super Nintendo aussehen kann. Schade, dass die anderen Orte
derart vernachlässigt wurden. Die Musik kann ich dagegen nur lobend
erwähnen. Die Melodien sind großteils düster und passen
mit atmosphärischen Klängen oder elektronischen Beats perfekt
zum futuristischen Setting. Das Ginza-Thema oder die rockige Musik bei
den Bosskämpfen fallen dabei besonders groovig aus.
"Shin Megami Tensei" bietet zwar optionale Bereiche und Bosse,
der richtige Wiederspielwert ist jedoch durch die moralische Entscheidungsfreiheit
gegeben. Wer sich jetzt für das Spiel interessiert, hat die Qual
der Wahl, denn durch den großen Erfolg der Reihe in Japan stehen
einige Portierungen und Remakes zur Auswahl. Für Nicht-Japaner
bietet sich auf alle Fälle die englische Fan-Übersetzung des
von mir getesteten Super Famicom-Spieles an. Die PC-Engine-Version unterscheidet
sich kaum vom SNES-Original, die Mega CD-Variante hat hingegen bessere
Grafiken und mehr Zwischensequenzen. Für die Playstation und den
Game Boy Advance wurde das Spiel dagegen komplett überarbeitet
und erweitert. Als Sammler hat man also viele Möglichkeiten, wobei
die GBA-Version recht selten ist und deshalb zu horrenden Preisen gehandelt
wird. Leider gibt es kein einziges offizielles westliches Release dieses
Kulttitels.
Fazit: Mit dem ersten Super Famicom-Teil beweist Entwicklerstudio Atlus
gekonnt, dass die Symbiose aus Horror und Rollenspiel funktioniert.
Die Geschichte wird nicht nur nebenbei erzählt, man nimmt ganz
konkret Teil am Geschehen und trifft selbst alle wichtigen Entscheidungen.
Die rekrutierbare Dämonenhorde überzeugt mit realistischem
Design und globaler Herkunft. Einzig die schwache Technik ist zu bemängeln,
die definitiv nicht das Potenzial des Systems nutzt. Wer sich für
Endzeitszenarien und Mythen interessiert und vor umfangreichen Dungeons
nicht zurückschreckt, der könnte hiermit seine neue Lieblingsreihe
finden.
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