Shin Megami Tensei
RPG

Patricia
November 10
 

So originell und ausgefallen sich manche Rollenspiele beim Kampfsystem und/oder Charakterdesign auch geben, so beliebig und austauschbar sind gleichzeitig die meisten Szenarien. Wenn es um große Epen geht, gehören mittelalterlich angehauchte Fantasy-Welten zum Standard. Dass es auch anders geht, beweisen die Shin Megami Tensei-Spiele von Atlus, die übersetzt in etwa für "Die wahre Wiedergeburt der Göttin" stehen. In Japan bereits seit Anfang der 90´er ein Hitgarant, wird die Reihe im Westen erst seit wenigen Jahren zaghaft mit ein paar Titeln versorgt. Wer sich etwas näher mit der Hintergrundgeschichte beschäftigt, sieht gleich warum. Die Shin Megami Tensei-Reihe beinhaltet nicht nur zahlreiche Horrorelemente, sondern wimmelt nur so vor christlichen Motiven. Für den westlichen Markt, vor allem die USA, waren religionskritische Themen in der jüngsten Vergangenheit noch ein zu heißes Eisen.

Nach den zwei in Japan erfolgreichen Famicom-Teilen "Megami Tensei - Digital Devil Saga" wurde die Serie auf dem Super Famicom mit frischen Ideen mehrfach fortgesetzt. Den ersten Super Famicom-Teil, der nur "Shin Megami Tensei" heißt, möchte ich euch heute näher vorstellen.

Das Spiel startet mit einer bedrückenden Traumsequenz samt seltsamen Begegnungen. Bei einigen dieser Personen handelt es sich um zukünftige Mitstreiter, weshalb man hier Namen eintippen und Statuspunkte verteilen darf. Als der Alptraum endlich endet, wacht unsere Spielfigur im vertrauten Heim auf. Der Spieler steuert einen jungen Mann, in vielen Guides einfach nur "Hero" genannt, der sich für Computer begeistert. Sein erster Griff am Morgen ist deshalb der zum PC. Als ob die schlechte Nacht nicht bereits genug gewesen wäre, wird er von einer verrückten E-Mail, in der vor einer Dämoneninvasion gewarnt wird, noch zusätzlich verwirrt. Natürlich nimmt unser Held dies nicht ernst. Zwar gab es in letzter Zeit einige brutale Morde und unheimliche Gerüchte machen die Runde, aber wer soll an diesen Unfug schon glauben? Um sich abzulenken, gibt es nichts Besseres als einen Einkaufsbummel. Beim Besuch in einem Einkaufszentrum ertappt unser Held zufällig den gesuchten Mörder bei einer weiteren grausigen Tat. In die Ecke gedrängt verwandelt sich der Täter in einen Teufel und lässt unseren Helden fassungslos zurück. Wieder daheim, findet er eine weitere Mail in seinem virtuellen Postfach, die ein Dämonenbeschwörungsprogramm beinhaltet. Der Absender sucht einen mutigen Menschen, der mit Hilfe dieses Programms den Monstern Einhalt gebietet, indem er die Kraft der Kreaturen für das Gute benutzt. Somit beginnt für unseren Helden eine Reise durch das von Fabeltieren, Dämonen und Engeln überrannte moderne Tokio. Schnell wird er dabei in den Machtkampf zweier Urgewalten hineingesogen. Die Messiasjünger folgen einer strengen Ordnung und sehen die Bedrohung als eine Prüfung Gottes. Die Mitglieder von Gaia betrachten die durch die Dämonen verursachte Anarchie als Befreiung aller Lebewesen und fordern das Recht des Stärkeren ein. Dahinter steckt nichts weniger als der ewige Machtkampf zwischen Himmel und Hölle, Gott gegen Luzifer. Für welche Seite sich unser Held im Endeffekt entscheidet, hängt dabei gänzlich vom Spieler ab! Helfen wir den Engeln ein Paradies für einige wenige Auserwählte zu erschaffen und opfern für dieses Ideal den Rest der Menschheit, oder unterstützen wir Luzifer bei seinem Kampf für die ultimative Freiheit, die unweigerlich zum Chaos führt? Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, den neutralen Weg, der sich gegen die Großmächte stellt und den gemäßigten Pfad der Menschen vertritt. Die Geschichte, die Dialoge, die Bosse und natürlich das Ende unterscheiden sich je nach gewählter Ausrichtung.

Die Geschichte selbst ist schlicht und einfach grandios. In trostloser Endzeitstimmung, von Extremisten umringt, gilt es sich einen Weg durch die unendlich scheinende Schar der Dämonen zu bannen. Jede Seite hat triftige und einleuchtende Argumente, so dass es nicht immer leicht ist, eine Entscheidung zu treffen.

"Shin Megami Tensei" wird fast ausschließlich aus der Egoperspektive dargestellt. Somit darf man berechtigt mit rundenbasierten Kämpfen in 3D-Dungeons rechnen, in denen auch Shops und wichtige Missionsziele in verwinkelten Ecken zu finden sind. Die Oberwelt wird nur für kurze Strecken verwendet und erinnert durch die nüchterne Aufmachung eher an einen zweckmäßigen Stadtplan. Unsere Truppe kann sich gleichzeitig mit Stichwaffen sowie Maschinengewehren ausrüsten. Da unser Held aber oft alleine oder nur mit einer Begleitung unterwegs ist, ist er stark auf die Hilfe des Dämonenprogramms angewiesen. Bevor es zum Kampf kommt, kann man noch mit allen Gegnern kommunizieren. Im Gespräch können mehrere Optionen ausgewählt werden. Soll man freundlich sein oder frech seinen Mut beweisen? Manchmal lassen sich die Kreaturen vertreiben oder verschenken sogar Geld und Magnetite, wenn sie in Plauderstimmung sind. Mit etwas Glück schließen sich einige Fabelwesen sogar unserer Truppe an. In speziellen Räumen geht es dann ans Fusionieren, das mittels diverser Verschmelzungen noch stärkere Dämonen formt. Was sich zuerst wie ein Pokémon-Verschnitt anhört, ist eine kreative Möglichkeit, mit der eine wehrhafte Truppe auf die Beine gestellt werden kann. Vorhin habe ich Magnetite erwähnt, die neben Geld die zweite Währung im Spiel darstellen. Diese magischen Klunker braucht man, um die aktiven Dämonen bei Laune zu halten. Die riesigen Dungeons und die sehr hohe Anzahl an Zufallskämpfen fordern dem Spieler alles ab. Zum Teil wird man wirklich alle zwei Schritte in einen Kampf verwickelt. Genervt hat mich das trotzdem nie, was wohl am flotten Tempo der Gefechte liegt. Speicherpunkte sind rar gesät, können zum Glück aber jederzeit mit einem Warp-Spruch erreicht werden. In der Nähe der Speicherpunkte sind auch meistens heilende Priester und hilfreiche Geschäfte zu finden. Bei einem Levelaufstieg können die Statuspunkte nach Belieben verteilt werden. Diese erhöhen nicht nur die eigenen Fähigkeiten sondern haben sogar Einfluss auf die Werte unserer teuflischen Helfer.

Die ersten Spielstunden war ich von der Grafik arg enttäuscht. Die Dungeons bestehen praktisch nur aus unzähligen, aneinandergereihten einfarbigen Wänden. Personen bestehen aus pixeligen Haufen ohne jegliche Gesichtszüge. Insgesamt eine Schande für eine 16-Bit-Konsole. Einzige Ausnahme bilden die Fabeltiere und Monster. Diese begeistern nicht nur durch ein fantasievolles Design, sondern auch mit großen Sprites und Animationen. Wer jetzt bei den Dämonen an bekannte und klischeebeladene Stereotypen denkt, wird positiv überrascht, denn "Shin Megami Tensei" orientiert sich an beinahe allen Sagen aus der realen Welt. Christliche Seraphim fehlen ebenso wenig wie irische Feen, chinesische Drachen, japanische Geister oder indische Götter. Wer sich ein bisschen für Mythologie interessiert, wird seine helle Freude an all den bekannten Kreaturen haben. Die Kathedrale am Schluss des Spieles zeigt eindrucksvoll, wie toll ein 3D-Dungeon auf dem Super Nintendo aussehen kann. Schade, dass die anderen Orte derart vernachlässigt wurden. Die Musik kann ich dagegen nur lobend erwähnen. Die Melodien sind großteils düster und passen mit atmosphärischen Klängen oder elektronischen Beats perfekt zum futuristischen Setting. Das Ginza-Thema oder die rockige Musik bei den Bosskämpfen fallen dabei besonders groovig aus.

"Shin Megami Tensei" bietet zwar optionale Bereiche und Bosse, der richtige Wiederspielwert ist jedoch durch die moralische Entscheidungsfreiheit gegeben. Wer sich jetzt für das Spiel interessiert, hat die Qual der Wahl, denn durch den großen Erfolg der Reihe in Japan stehen einige Portierungen und Remakes zur Auswahl. Für Nicht-Japaner bietet sich auf alle Fälle die englische Fan-Übersetzung des von mir getesteten Super Famicom-Spieles an. Die PC-Engine-Version unterscheidet sich kaum vom SNES-Original, die Mega CD-Variante hat hingegen bessere Grafiken und mehr Zwischensequenzen. Für die Playstation und den Game Boy Advance wurde das Spiel dagegen komplett überarbeitet und erweitert. Als Sammler hat man also viele Möglichkeiten, wobei die GBA-Version recht selten ist und deshalb zu horrenden Preisen gehandelt wird. Leider gibt es kein einziges offizielles westliches Release dieses Kulttitels.

Fazit: Mit dem ersten Super Famicom-Teil beweist Entwicklerstudio Atlus gekonnt, dass die Symbiose aus Horror und Rollenspiel funktioniert. Die Geschichte wird nicht nur nebenbei erzählt, man nimmt ganz konkret Teil am Geschehen und trifft selbst alle wichtigen Entscheidungen. Die rekrutierbare Dämonenhorde überzeugt mit realistischem Design und globaler Herkunft. Einzig die schwache Technik ist zu bemängeln, die definitiv nicht das Potenzial des Systems nutzt. Wer sich für Endzeitszenarien und Mythen interessiert und vor umfangreichen Dungeons nicht zurückschreckt, der könnte hiermit seine neue Lieblingsreihe finden.