Manche Fortsetzungen lassen sich schlicht und einfach mit einem einzigen
Satz beschreiben: Alles wie beim Vorgänger, nur etwas besser. Dies
trifft im Grunde genommen auch auf "Shin Megami Tensei 2" für
den Super Nintendo zu, das bereits zwei Jahre nach dem Vorgänger
in Japan erschienen ist.
Inhaltlich wird konsequent die Geschichte des Vorgängers fortgeführt,
in der man sich als Oberschüler im apokalyptischen Tokio mit Horden
von Engeln, Dämonen und sonstigem Fabelgetier auseinandersetzen
musste. Aufgrund diverser Entscheidungen konnte der Spieler dabei den
Himmel, die Hölle oder die neutrale Menschheit unterstützen.
"Shin Megami Tensei 2" knüpft an das neutrale Ende an
und spielt viele Jahrzehnte danach. In dieser Zeit stehen sich die gottesfürchtigen
Messiahs und die teuflischen Gaians in einer Art Pattsituation gegenüber.
Beide Parteien halten Teile der Stadt besetzt und als Mensch steht es
einem frei, sich der Organisation seiner Wahl anzuschließen. Unser
junger Held Aleph wohnt in den Valhalla-Slums, wo alle Messiahs, die
es nicht in das heilige Center geschafft haben, vor sich hin vegetieren.
Aber noch gibt es Hoffnung in Form regelmäßig stattfindender
Turniere, deren Siegern Einlass ins gelobte Land und somit die Eintrittskarte
in ein sorgenfreies Leben gewährt wird. Dass unser Held diese Prüfung
besteht, das versteht sich von selbst. Im Anschluss darf er sogar den
Bischof höchstpersönlich treffen. Mit der Erklärung,
Aleph sei der neue prophezeite Messias, der die auserwählten Gläubigen
nach Eden führen soll, sorgt der hohe Würdenträger für
eine große Überraschung. Der Rest der Menschheit fällt
der Vernichtung heim, denn schließlich haben sie sich von Gott
abgewandt und somit gegen ihn gestellt. Dem frischgebackenen Retter
wird sofort der erste Auftrag erteilt sowie die überaus hübsche
Tempelritterin Beth zur Seite gestellt. Beim Spaziergang durch das himmelblaue
Center stellt sich aber allzu bald heraus, dass auch hier nicht alles
perfekt ist, denn wer Gott folgt, muss sich sehr strengen Regeln unterziehen.
Zucht und Ordnung stehen somit an der Tagesordnung. In den schäbigen
und von Dämonen heimgesuchten Slums war man dagegen sowohl im Denken
wie auch im Handeln völlig frei.
Dies ist der Beginn unseres Abenteuers durch die Ruinen von Tokio,
in denen man zahlreichen Bewohnern begegnet und viele Missionen erfüllen
muss. So muss zum Beispiel die japanische Göttin Amaterasu befreit
sowie eine Auseinandersetzung mit einem zweiten Messias überstanden
werden, um schließlich das Tor zu Luzifers Reich zu öffnen.
Dabei wird man immer wieder mit der Entscheidung konfrontiert, ob man
Ordnung, Chaos, Licht, Dunkelheit oder eine verwobene Mischung der einzelnen
Möglichkeiten befürwortet - einfach ist es nie. Auch wenn
die beklemmende Atmosphäre, die ihre Ausdruckskraft primär
aus der düsteren Musik sowie den verzweifelten Menschen bezieht,
nach wie vor überzeugt, fällt die Geschichte nicht mehr so
originell wie im ersten Teil aus. Einige witzige Momente stechen allerdings
besonders positiv hervor und sorgen hier und da für einen Schmunzler:
In der Disco traf ich auf einen schwarzen Tänzer namens "Mr.
Thriller", der eine Vorliebe für Spielzeug hat. Ein Oberdämon
beschwert sich, dass Satan viel zu wenige Orgien zulässt, während
ein anderer mit dem Aussehen eines gigantischen männlichen Gliedes
unsere Intelligenz prüfen will. Hmmm…
Beim Gameplay hat sich nicht viel verändert. Es besteht nach wie
vor aus riesigen Dungeons, unzähligen rundenbasierten Kämpfen
sowie dem Anwerben von Dämonen und Himmelswesen als Mitstreiter.
Dabei macht das Züchten der übernatürlichen Kreaturen
erneut am meisten Spaß. Es ist wirklich erstaunlich, was beim
Kreuzen von Engeln, Zombies und Kobolden so alles herauskommt. Rätsel
spielen eine untergeordnete Rolle. Manche Gebäude stellen mit Teleportern,
Fallen und unsichtbaren Wänden eine willkommene Abwechslung dar,
durch die nützliche Automaping-Funktion bleibt jedoch alles übersichtlich.
Die verschiedenen Gebiete sind miteinander verbunden, so dass sich wirklich
das Gefühl einstellt, eine verfallene Metropole zu durchstreifen.
Das Menü ist gut organisiert und weist einige Neuerungen auf. So
können endlich Items unter die Lupe genommen, Informationen über
besiegte Dämonen abgerufen und wichtige Gegenstände gesondert
aufbewahrt werden. Der Schwierigkeitsgrad ist im Großen und Ganzen
gleich geblieben. Waffen erzeugen nicht mehr so starke Statuseffekte
wie bisher, verursachen dafür mehr Schaden. In der Mitte des Spieles
sind Magnetite, die Dämonenwährung, kaum zu finden, wodurch
viele Dungeons im Alleingang bewältigt werden müssen. Bei
den Bossen gehören die fabelhaften Helfer jedoch zum Pflichtprogramm.
Es gibt eine Unmenge an diversen Endgegnern, von denen manche durch
starke Verteidigung, extrem lange Lebensleisten und fiese Magiesprüche
richtig knackig sind. Die Herausforderung bleibt jedoch immer fair,
so dass der Spielspaß nie darunter leidet.
Grafisch steht "Shin Megami Tensei 2" eine ganze Stufe über
dem Erstling. Wo ich damals über die eintönige Umgebung gemeckert
habe, kann ich diesmal nur Lob aussprechen. Die aus der Egoperspektive
dargestellten Dungeons zeigen sich unheimlich detail- und abwechslungsreich.
In Kellern begleitet uns auf Schritt und Tritt ein Wirrwarr aus diversen
Rohren, bei den Messiahs schleicht man zwischen hellblau getünchten
Säulen herum, während Luzifers Palast in grünem Glas
erstrahlt. Ein besonders interessanter Leckerbissen stellt dabei ein
Abschnitt im Inneren eines gewaltigen Dämons dar. Bei der vielseitigen
Monsterschar habe ich ehrlich gesagt viele recycelte Sprites erwartet,
letztendlich war ich aber über die große Anzahl neuer Figuren
und Re-Designs erstaunt. Zwischensequenzen laufen nun mit richtigen
Standbildern oder sogar kleinen Animationen ab. Auch wenn das Ganze
nach wie vor unter den Möglichkeiten des Super Nintendo bleibt,
wurde hier ein großer Schritt nach vorne gemacht.
Der Soundtrack ist wieder mal hervorragend, neue und bekannte Melodien
halten sich die Waage. Die geteilte Welt wird durch die Mischung von
Rockklängen und himmlischen Chören gut unterstützt. Schade
finde ich nur, dass diesmal mein Lieblingsstück aus Ginza fehlt.
Wie der erste Teil ist auch "Shin Megami Tensei 2" nie im
Westen erschienen. Dasselbe trifft ebenfalls auf die beiden Remakes
für die Playstation und den Game Boy Advance zu. Ohne der japanischen
Sprache mächtig zu sein, würde sich das Spiel nur den wenigsten
offenbaren, gäbe es nicht treue Shin Megami-Fans, die ein ins Englische
übersetztes Rom im Netz zur Verfügung gestellt haben. Mit
einer der vielen verfügbaren Komplettlösungen ist eine japanische
Version aber auch problemlos spielbar.
Fazit: "Shin Megami Tensei 2" ist eine rundum gelungene Fortsetzung
ohne größere Experimente. Das Gameplay wurde noch etwas verfeinert
und die Grafik gehörig aufgemotzt. So originell wie der Vorgänger
ist das Ganze aber dann doch nicht, darum vergebe ich trotz der vielen
Verbesserungen die gleiche Wertung.
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