Shin Megami Tensei 2
RPG

Patricia
Februar 11
 

Manche Fortsetzungen lassen sich schlicht und einfach mit einem einzigen Satz beschreiben: Alles wie beim Vorgänger, nur etwas besser. Dies trifft im Grunde genommen auch auf "Shin Megami Tensei 2" für den Super Nintendo zu, das bereits zwei Jahre nach dem Vorgänger in Japan erschienen ist.

Inhaltlich wird konsequent die Geschichte des Vorgängers fortgeführt, in der man sich als Oberschüler im apokalyptischen Tokio mit Horden von Engeln, Dämonen und sonstigem Fabelgetier auseinandersetzen musste. Aufgrund diverser Entscheidungen konnte der Spieler dabei den Himmel, die Hölle oder die neutrale Menschheit unterstützen. "Shin Megami Tensei 2" knüpft an das neutrale Ende an und spielt viele Jahrzehnte danach. In dieser Zeit stehen sich die gottesfürchtigen Messiahs und die teuflischen Gaians in einer Art Pattsituation gegenüber. Beide Parteien halten Teile der Stadt besetzt und als Mensch steht es einem frei, sich der Organisation seiner Wahl anzuschließen. Unser junger Held Aleph wohnt in den Valhalla-Slums, wo alle Messiahs, die es nicht in das heilige Center geschafft haben, vor sich hin vegetieren. Aber noch gibt es Hoffnung in Form regelmäßig stattfindender Turniere, deren Siegern Einlass ins gelobte Land und somit die Eintrittskarte in ein sorgenfreies Leben gewährt wird. Dass unser Held diese Prüfung besteht, das versteht sich von selbst. Im Anschluss darf er sogar den Bischof höchstpersönlich treffen. Mit der Erklärung, Aleph sei der neue prophezeite Messias, der die auserwählten Gläubigen nach Eden führen soll, sorgt der hohe Würdenträger für eine große Überraschung. Der Rest der Menschheit fällt der Vernichtung heim, denn schließlich haben sie sich von Gott abgewandt und somit gegen ihn gestellt. Dem frischgebackenen Retter wird sofort der erste Auftrag erteilt sowie die überaus hübsche Tempelritterin Beth zur Seite gestellt. Beim Spaziergang durch das himmelblaue Center stellt sich aber allzu bald heraus, dass auch hier nicht alles perfekt ist, denn wer Gott folgt, muss sich sehr strengen Regeln unterziehen. Zucht und Ordnung stehen somit an der Tagesordnung. In den schäbigen und von Dämonen heimgesuchten Slums war man dagegen sowohl im Denken wie auch im Handeln völlig frei.

Dies ist der Beginn unseres Abenteuers durch die Ruinen von Tokio, in denen man zahlreichen Bewohnern begegnet und viele Missionen erfüllen muss. So muss zum Beispiel die japanische Göttin Amaterasu befreit sowie eine Auseinandersetzung mit einem zweiten Messias überstanden werden, um schließlich das Tor zu Luzifers Reich zu öffnen. Dabei wird man immer wieder mit der Entscheidung konfrontiert, ob man Ordnung, Chaos, Licht, Dunkelheit oder eine verwobene Mischung der einzelnen Möglichkeiten befürwortet - einfach ist es nie. Auch wenn die beklemmende Atmosphäre, die ihre Ausdruckskraft primär aus der düsteren Musik sowie den verzweifelten Menschen bezieht, nach wie vor überzeugt, fällt die Geschichte nicht mehr so originell wie im ersten Teil aus. Einige witzige Momente stechen allerdings besonders positiv hervor und sorgen hier und da für einen Schmunzler: In der Disco traf ich auf einen schwarzen Tänzer namens "Mr. Thriller", der eine Vorliebe für Spielzeug hat. Ein Oberdämon beschwert sich, dass Satan viel zu wenige Orgien zulässt, während ein anderer mit dem Aussehen eines gigantischen männlichen Gliedes unsere Intelligenz prüfen will. Hmmm…

Beim Gameplay hat sich nicht viel verändert. Es besteht nach wie vor aus riesigen Dungeons, unzähligen rundenbasierten Kämpfen sowie dem Anwerben von Dämonen und Himmelswesen als Mitstreiter. Dabei macht das Züchten der übernatürlichen Kreaturen erneut am meisten Spaß. Es ist wirklich erstaunlich, was beim Kreuzen von Engeln, Zombies und Kobolden so alles herauskommt. Rätsel spielen eine untergeordnete Rolle. Manche Gebäude stellen mit Teleportern, Fallen und unsichtbaren Wänden eine willkommene Abwechslung dar, durch die nützliche Automaping-Funktion bleibt jedoch alles übersichtlich. Die verschiedenen Gebiete sind miteinander verbunden, so dass sich wirklich das Gefühl einstellt, eine verfallene Metropole zu durchstreifen. Das Menü ist gut organisiert und weist einige Neuerungen auf. So können endlich Items unter die Lupe genommen, Informationen über besiegte Dämonen abgerufen und wichtige Gegenstände gesondert aufbewahrt werden. Der Schwierigkeitsgrad ist im Großen und Ganzen gleich geblieben. Waffen erzeugen nicht mehr so starke Statuseffekte wie bisher, verursachen dafür mehr Schaden. In der Mitte des Spieles sind Magnetite, die Dämonenwährung, kaum zu finden, wodurch viele Dungeons im Alleingang bewältigt werden müssen. Bei den Bossen gehören die fabelhaften Helfer jedoch zum Pflichtprogramm. Es gibt eine Unmenge an diversen Endgegnern, von denen manche durch starke Verteidigung, extrem lange Lebensleisten und fiese Magiesprüche richtig knackig sind. Die Herausforderung bleibt jedoch immer fair, so dass der Spielspaß nie darunter leidet.

Grafisch steht "Shin Megami Tensei 2" eine ganze Stufe über dem Erstling. Wo ich damals über die eintönige Umgebung gemeckert habe, kann ich diesmal nur Lob aussprechen. Die aus der Egoperspektive dargestellten Dungeons zeigen sich unheimlich detail- und abwechslungsreich. In Kellern begleitet uns auf Schritt und Tritt ein Wirrwarr aus diversen Rohren, bei den Messiahs schleicht man zwischen hellblau getünchten Säulen herum, während Luzifers Palast in grünem Glas erstrahlt. Ein besonders interessanter Leckerbissen stellt dabei ein Abschnitt im Inneren eines gewaltigen Dämons dar. Bei der vielseitigen Monsterschar habe ich ehrlich gesagt viele recycelte Sprites erwartet, letztendlich war ich aber über die große Anzahl neuer Figuren und Re-Designs erstaunt. Zwischensequenzen laufen nun mit richtigen Standbildern oder sogar kleinen Animationen ab. Auch wenn das Ganze nach wie vor unter den Möglichkeiten des Super Nintendo bleibt, wurde hier ein großer Schritt nach vorne gemacht.

Der Soundtrack ist wieder mal hervorragend, neue und bekannte Melodien halten sich die Waage. Die geteilte Welt wird durch die Mischung von Rockklängen und himmlischen Chören gut unterstützt. Schade finde ich nur, dass diesmal mein Lieblingsstück aus Ginza fehlt.

Wie der erste Teil ist auch "Shin Megami Tensei 2" nie im Westen erschienen. Dasselbe trifft ebenfalls auf die beiden Remakes für die Playstation und den Game Boy Advance zu. Ohne der japanischen Sprache mächtig zu sein, würde sich das Spiel nur den wenigsten offenbaren, gäbe es nicht treue Shin Megami-Fans, die ein ins Englische übersetztes Rom im Netz zur Verfügung gestellt haben. Mit einer der vielen verfügbaren Komplettlösungen ist eine japanische Version aber auch problemlos spielbar.

Fazit: "Shin Megami Tensei 2" ist eine rundum gelungene Fortsetzung ohne größere Experimente. Das Gameplay wurde noch etwas verfeinert und die Grafik gehörig aufgemotzt. So originell wie der Vorgänger ist das Ganze aber dann doch nicht, darum vergebe ich trotz der vielen Verbesserungen die gleiche Wertung.