Man wird ja generell dazu angehalten, sich möglichst wenig Operationen
zu unterziehen, weil immer ein gewisses Restrisiko besteht und man bei
Vollnarkose nie eine vollständige Garantie hat, wieder unbeschadet
aufzuwachen. Wie hoch auch immer das Risiko heutzutage ist, für Steve,
den Protagonisten von "Weird Dreams", kommt es jedenfalls ganz
dicke: Als er sich einer Gehirnoperation unterziehen muss, verliert sich
sein Bewusstsein in seltsamen, bizarren Halluzinationen, denen er nun
entrinnen muss. Sollte es ihm nicht gelingen, gibt es buchstäblich
kein Erwachen für ihn.
"Weird Dreams" ist ein Action-Adventure und erschien 1989
zunächst für den Atari ST, den Amiga und PC, ein Jahr später
dann doch noch für den C-64. Wie schon beschrieben, begleitet man
Steve durch allerlei seltsame Orte einer Traumwelt, auf der Suche nach
einem Weg in die Realität. In klassischer Seitenansicht steuert
man ihn in seinem schwarz-weiß-karierten Schlafanzug durch diverse,
jeweils nur einige Bildschirme unfassende Szenarien und muss seine Haut
vor unzähligen Gefahren bewahren, denn prinzipiell gilt: alles,
was sich bewegt, ist tödlich und will Steve ans Leder. Zuweilen
findet man dafür ein Objekt, das man als Waffe verwenden kann,
wobei sich das Spiel dabei auf improvisierte Schlagwaffen beschränkt,
mit denen man drei verschiedene Angriffe ausführen kann. Der weitere
Aktionsradius ist recht beschränkt, Steve kann nur noch springen
und bestimmte Objekte aufheben oder ablegen. Ein aktiv zu verwaltendes
Inventar gibt es nicht, man kann nur ein paar wenige Sachen mit sich
mitführen, auf die bei Gelegenheit automatisch zugegriffen wird.
Die Optik und der grafische Stil sind große Stärken des
Programms. Die Umgebungen sind wunderbar surreal und umfassen zum Beispiel
eine Wüste mit in der Luft fliegenden Fischen und bizarren Kreaturen,
die wie eine Mischung aus Kröten, Schlangen und Osterinseltotems
aussehen, sowie eine gigantische Zuckerwattezentrifuge. Das Ganze wurde
sehr ansprechend gezeichnet und animiert.
Die Musik ist leider eher unspektakulär, allerdings untermalt
sie die beklemmende und verstörende Atmosphäre des Spiels
ziemlich gut. Außerdem wissen die Soundeffekte zu gefallen, beim
PC mangels Soundblaster-Unterstützung jedoch weniger.
Als ein ernstes Problem erweist sich dagegen die Steuerung, da sie
ziemlich träge reagiert. Die Figur bewegt sich deshalb in allen
Lebenslagen sehr steif. Zusammen mit der ungenauen Kollisionsabfrage
werden gnadenlos hohe Anforderungen an das eigene Timing gestellt, denn
Steve besitzt keine Lebensenergie und jeder Fehler bedeutet fast immer
den sicheren Tod. Davon abgesehen ist die Befehlseingabe ebenfalls misslungen,
da alle Handlungen mit nur einer Taste ausgeführt werden, die man
oft gedrückt halten muss, um dann mit den Richtungstasten andere
Aktionen bewerkstelligen zu können. Leider beißt sich das,
wenn man sich gerade bei einem Gegenstand befindet, den man aufheben
kann. Ferner ist nervig, dass man nur an bestimmten Stellen bestimmte
Aktivitäten ausführen kann. Weil einem aber meistens schnell
etwas ans Leder will, hat man nicht die Ruhe zum Suchen und Experimentieren.
Die Geschichte des Spiels holt noch etwas weiter aus als bislang beschrieben.
So geht es um einen auf die Erde verbannten Dämon, der von Steves
Arbeitskollegin Emily, in die er verliebt ist, Besitz ergreift und ihn
zu quälen beginnt, indem er seinen Geist manipuliert und ihn bizarre
und schmerzerfüllte Träume erleben lässt. Dabei nimmt
Steves körperliche Gesundheit zunehmend ab, bis er sich der besagten
Hirnoperation unterziehen muss. Unter Einwirkung der Narkose wird er
jedoch in seinen Alpträumen gefangen. Für dieses gelungene
Szenario wurde sogar ein Kurzroman geschrieben, der dem Spiel beilag.
Der Hintergrund der Operation findet sich auch im Spiel wieder, denn
bei Verlust eines Lebens wird ein Bild vom OP und Steves Herzfrequenzanzeige
eingeblendet. Man hat genau fünf Leben, die die Anzahl der Wiederbelebungsversuche
der Ärzte wiederspiegeln, denn jeder Verlust eines Lebens im Traum
entspricht einer aus Angst resultierenden Herzattacke.
So vielversprechend die Zutaten bislang sind, so groß ist leider
die Enttäuschung, was das eigentliche Spiel angeht. Das Problem
dabei stellt das mangelnde Zusammenspiel mehrerer Faktoren dar, das
einfach für viel zu viele Frustmomente sorgt. Die fünf erwähnten
Leben sind einfach zu wenig, um das schwere Spiel zu beenden. Sind diese
verbraucht, muss man stets von vorne anfangen, denn Passwörter
oder eine Speichermöglichkeit gibt es nicht. Dazu kommt, dass man
bei Kämpfen und Geschicklichkeitsaufgaben meistens keinen Spielraum
für Fehler hat, weshalb man sehr oft wieder von vorne beginnen
muss. Auch ist oft nicht sofort klar, wie man einen bestimmten Spielabschnitt
lösen kann bzw. was man machen muss. Das wäre für sich
genommen nicht so schlimm, aber weil man so gut wie immer durch irgendetwas
bedroht wird, ist es nahezu unmöglich, etwas herauszufinden, ohne
Dutzende Male zu sterben. Das ist insbesondere Schade, da einige Puzzles
gute Ansätze zeigen. Aber auch wenn man weiß, wie es geht,
muss man alles nach jedem Game Over neu durchspielen, und dank der schlechten
Steuerung hat man stets schlechte Aussichten, mit genügend Leben
bis zur zuletzt erreichten Stelle zu gelangen. Auf die Dauer stellt
das Spiel so die Nerven selbst der geduldigsten Spieler auf eine enorme
Zerreißprobe und dürfte bei den meisten irgendwann doch im
resignierten Aufgeben enden. Auch wenn "Weird Dreams" einen
ganz eigenen Charme hat, kann man über die vielen designtechnischen
Mängel nicht einfach hinwegsehen. Ein letzter Nagel im Sarg stellt
noch die Kürze des Spiels dar, denn die Traumwelt umfasst nur wenige
Spielabschnitte. Der abartige Schwierigkeitsgrad zieht das Spiel aber
extrem in die Länge, wenn man es ohne zu schummeln durchspielen
möchte.
Fazit: Ich würde "Weird Dreams" wirklich gerne höher
bewerten, doch leider bietet es außer der interessanten grafischen
Gestaltung, der Atmosphäre, dem Szenario und der hervorragenden
Grundidee einfach zu wenig Unterhaltung. Das eigentliche Spiel hat einfach
mit viel zu vielen Problemen zu kämpfen. Auch wenn "Weird
Dreams" seinen eigenen Reiz besitzt, kann ich wirklich niemandem
ernsthaft nahe legen, sich durch dieses Spiel durchzubeißen, zumal
es dem Spieler nicht allzu viel Entlohnung gibt. Das Ende ist nicht
nur enttäuschend, sondern eine richtige Beleidigung, wenn man die
Mühen des Durchspielens in Betracht zieht. Dies ist wirklich Schade,
denn in der eigentlichen Spielidee steckt so viel mehr Potenzial. In
seiner bestehenden Form kann ich dem Spiel jedoch nicht mehr als vier
Punkte vergeben.
Noch etwas zum vergleich der unterschiedlichen Versionen: Die Amiga-
und ST-Fassungen sind etwas älter als die PC-Version. Auch wenn
es für 1989 etwas viel verlangt ist, muss man feststellen, dass
die höhere Farbtiefe im VGA-Modus gegenüber den Heimcomputern
nicht ausgenutzt worden ist. Ferner reagiert die Steuerung in beiden
Fällen etwas besser und etwas weniger träge als unter DOS,
außerdem fehlen der PC-Version die digitalisierten Soundeffekte.
Insgesamt sehe ich die Unterschiede allerdings nicht als gravierend
genug, um bei der Bewertung einen Unterschied zu machen. Die erwähnte
C-64-Ausgabe lasse ich außen vor, da ich sie nicht getestet habe.
|