Weird Dreams
Action-Adventure

Riemann80
September 11
 

Man wird ja generell dazu angehalten, sich möglichst wenig Operationen zu unterziehen, weil immer ein gewisses Restrisiko besteht und man bei Vollnarkose nie eine vollständige Garantie hat, wieder unbeschadet aufzuwachen. Wie hoch auch immer das Risiko heutzutage ist, für Steve, den Protagonisten von "Weird Dreams", kommt es jedenfalls ganz dicke: Als er sich einer Gehirnoperation unterziehen muss, verliert sich sein Bewusstsein in seltsamen, bizarren Halluzinationen, denen er nun entrinnen muss. Sollte es ihm nicht gelingen, gibt es buchstäblich kein Erwachen für ihn.

"Weird Dreams" ist ein Action-Adventure und erschien 1989 zunächst für den Atari ST, den Amiga und PC, ein Jahr später dann doch noch für den C-64. Wie schon beschrieben, begleitet man Steve durch allerlei seltsame Orte einer Traumwelt, auf der Suche nach einem Weg in die Realität. In klassischer Seitenansicht steuert man ihn in seinem schwarz-weiß-karierten Schlafanzug durch diverse, jeweils nur einige Bildschirme unfassende Szenarien und muss seine Haut vor unzähligen Gefahren bewahren, denn prinzipiell gilt: alles, was sich bewegt, ist tödlich und will Steve ans Leder. Zuweilen findet man dafür ein Objekt, das man als Waffe verwenden kann, wobei sich das Spiel dabei auf improvisierte Schlagwaffen beschränkt, mit denen man drei verschiedene Angriffe ausführen kann. Der weitere Aktionsradius ist recht beschränkt, Steve kann nur noch springen und bestimmte Objekte aufheben oder ablegen. Ein aktiv zu verwaltendes Inventar gibt es nicht, man kann nur ein paar wenige Sachen mit sich mitführen, auf die bei Gelegenheit automatisch zugegriffen wird.

Die Optik und der grafische Stil sind große Stärken des Programms. Die Umgebungen sind wunderbar surreal und umfassen zum Beispiel eine Wüste mit in der Luft fliegenden Fischen und bizarren Kreaturen, die wie eine Mischung aus Kröten, Schlangen und Osterinseltotems aussehen, sowie eine gigantische Zuckerwattezentrifuge. Das Ganze wurde sehr ansprechend gezeichnet und animiert.

Die Musik ist leider eher unspektakulär, allerdings untermalt sie die beklemmende und verstörende Atmosphäre des Spiels ziemlich gut. Außerdem wissen die Soundeffekte zu gefallen, beim PC mangels Soundblaster-Unterstützung jedoch weniger.

Als ein ernstes Problem erweist sich dagegen die Steuerung, da sie ziemlich träge reagiert. Die Figur bewegt sich deshalb in allen Lebenslagen sehr steif. Zusammen mit der ungenauen Kollisionsabfrage werden gnadenlos hohe Anforderungen an das eigene Timing gestellt, denn Steve besitzt keine Lebensenergie und jeder Fehler bedeutet fast immer den sicheren Tod. Davon abgesehen ist die Befehlseingabe ebenfalls misslungen, da alle Handlungen mit nur einer Taste ausgeführt werden, die man oft gedrückt halten muss, um dann mit den Richtungstasten andere Aktionen bewerkstelligen zu können. Leider beißt sich das, wenn man sich gerade bei einem Gegenstand befindet, den man aufheben kann. Ferner ist nervig, dass man nur an bestimmten Stellen bestimmte Aktivitäten ausführen kann. Weil einem aber meistens schnell etwas ans Leder will, hat man nicht die Ruhe zum Suchen und Experimentieren.

Die Geschichte des Spiels holt noch etwas weiter aus als bislang beschrieben. So geht es um einen auf die Erde verbannten Dämon, der von Steves Arbeitskollegin Emily, in die er verliebt ist, Besitz ergreift und ihn zu quälen beginnt, indem er seinen Geist manipuliert und ihn bizarre und schmerzerfüllte Träume erleben lässt. Dabei nimmt Steves körperliche Gesundheit zunehmend ab, bis er sich der besagten Hirnoperation unterziehen muss. Unter Einwirkung der Narkose wird er jedoch in seinen Alpträumen gefangen. Für dieses gelungene Szenario wurde sogar ein Kurzroman geschrieben, der dem Spiel beilag. Der Hintergrund der Operation findet sich auch im Spiel wieder, denn bei Verlust eines Lebens wird ein Bild vom OP und Steves Herzfrequenzanzeige eingeblendet. Man hat genau fünf Leben, die die Anzahl der Wiederbelebungsversuche der Ärzte wiederspiegeln, denn jeder Verlust eines Lebens im Traum entspricht einer aus Angst resultierenden Herzattacke.

So vielversprechend die Zutaten bislang sind, so groß ist leider die Enttäuschung, was das eigentliche Spiel angeht. Das Problem dabei stellt das mangelnde Zusammenspiel mehrerer Faktoren dar, das einfach für viel zu viele Frustmomente sorgt. Die fünf erwähnten Leben sind einfach zu wenig, um das schwere Spiel zu beenden. Sind diese verbraucht, muss man stets von vorne anfangen, denn Passwörter oder eine Speichermöglichkeit gibt es nicht. Dazu kommt, dass man bei Kämpfen und Geschicklichkeitsaufgaben meistens keinen Spielraum für Fehler hat, weshalb man sehr oft wieder von vorne beginnen muss. Auch ist oft nicht sofort klar, wie man einen bestimmten Spielabschnitt lösen kann bzw. was man machen muss. Das wäre für sich genommen nicht so schlimm, aber weil man so gut wie immer durch irgendetwas bedroht wird, ist es nahezu unmöglich, etwas herauszufinden, ohne Dutzende Male zu sterben. Das ist insbesondere Schade, da einige Puzzles gute Ansätze zeigen. Aber auch wenn man weiß, wie es geht, muss man alles nach jedem Game Over neu durchspielen, und dank der schlechten Steuerung hat man stets schlechte Aussichten, mit genügend Leben bis zur zuletzt erreichten Stelle zu gelangen. Auf die Dauer stellt das Spiel so die Nerven selbst der geduldigsten Spieler auf eine enorme Zerreißprobe und dürfte bei den meisten irgendwann doch im resignierten Aufgeben enden. Auch wenn "Weird Dreams" einen ganz eigenen Charme hat, kann man über die vielen designtechnischen Mängel nicht einfach hinwegsehen. Ein letzter Nagel im Sarg stellt noch die Kürze des Spiels dar, denn die Traumwelt umfasst nur wenige Spielabschnitte. Der abartige Schwierigkeitsgrad zieht das Spiel aber extrem in die Länge, wenn man es ohne zu schummeln durchspielen möchte.

Fazit: Ich würde "Weird Dreams" wirklich gerne höher bewerten, doch leider bietet es außer der interessanten grafischen Gestaltung, der Atmosphäre, dem Szenario und der hervorragenden Grundidee einfach zu wenig Unterhaltung. Das eigentliche Spiel hat einfach mit viel zu vielen Problemen zu kämpfen. Auch wenn "Weird Dreams" seinen eigenen Reiz besitzt, kann ich wirklich niemandem ernsthaft nahe legen, sich durch dieses Spiel durchzubeißen, zumal es dem Spieler nicht allzu viel Entlohnung gibt. Das Ende ist nicht nur enttäuschend, sondern eine richtige Beleidigung, wenn man die Mühen des Durchspielens in Betracht zieht. Dies ist wirklich Schade, denn in der eigentlichen Spielidee steckt so viel mehr Potenzial. In seiner bestehenden Form kann ich dem Spiel jedoch nicht mehr als vier Punkte vergeben.

Noch etwas zum vergleich der unterschiedlichen Versionen: Die Amiga- und ST-Fassungen sind etwas älter als die PC-Version. Auch wenn es für 1989 etwas viel verlangt ist, muss man feststellen, dass die höhere Farbtiefe im VGA-Modus gegenüber den Heimcomputern nicht ausgenutzt worden ist. Ferner reagiert die Steuerung in beiden Fällen etwas besser und etwas weniger träge als unter DOS, außerdem fehlen der PC-Version die digitalisierten Soundeffekte. Insgesamt sehe ich die Unterschiede allerdings nicht als gravierend genug, um bei der Bewertung einen Unterschied zu machen. Die erwähnte C-64-Ausgabe lasse ich außen vor, da ich sie nicht getestet habe.